Walk the South West Coast Path

Als ich mit 64 Jahren endlich in Rente gehen konnte, wollte ich mir im ersten Jahr einen lang gehegten Wunsch erfüllen: Die Südwest Spitze von England umwandern. Über 1.014 km von Minehead in Somerset entlang der Küsten von Devon und Cornwall führt ein gepflegter Wanderweg auf den Spuren der alten Schmuggler nach Poole Harbour in Dorset.

19. Mai – Viel zu früh am Flughafen Düsseldorf angekommen, richte ich mir nun einen Blog ein, für mich selbst und für jeden, den es interessiert. In ca. 1 Stunde geht mein Flug Richtung Bristol, von dort geht es morgen weiter nach Minehead.

Noch nie habe ich eine solche Unternehmung in Angriff genommen, es ist ein beeindruckendes Unterfangen, dass mir nach gründlicher Vorbereitung immer noch sehr viel Respekt einflößt. Ein aufregendes Gefühl, fast, als würde ich etwas Verbotenes tun, nun nach einem 43 Jahre dauernden und erschöpfenden Berufsleben ausbrechen aus dem vorgeschriebenen Lebensweg in Alter, Gebrechlichkeit und Tod.

Ankunft in GB, Bristol. Übernachtung in einem sehr gemütlichen Hotel in der Nähe des Bahnhofs. Von dort geht es dann morgen weiter nach Minehead.

20. Mai – Mit dem Zug geht es nach Taunton, von dort mit dem Bus nach Minehead. Das Wetter ist wunderbar und die Mitreisenden sind gut gelaunt, alles ist wie eine fröhliche Party. In Minehead erstmal ins Hotel, wieder ein sehr gemütliches Haus, sehr freundliche Leute.

Auspacken, ausruhen und dann spazieren gehen, die ersten paar Meter auf dem Coastal Path. Der Rucksack war mir auf der Reise hierher schon zu schwer, aber ich werde sehen, wie ich es schaffe. Erstmal bleibe ich noch einige Tage hier und schaue mir den Ort an. Ein Café habe ich gefunden, mit einem Aufkleber auf der Tür „We are aware of Autism“. Das ist noch einmal ein wunderbares Willkommen, denn ich bin Autistin, Asperger, spät, viel zu spät diagnostiziert, erst mit 49 Jahren. Da war ich schon völlig durch traumatisiert von dem Leben unter Menschen, die emotional und kognitiv ganz grundsätzlich anders verdrahtet sind als ich.

21. Mai – Die erste Nacht in Minehead, mein Nerven System ist völlig durcheinander. Mir ist schwindlig und das Tragen des (nur) 9 – 10 Kilo schweren Rucksacks bis hierher hat mir Schmerzen in Hüfte und Knien eingebracht. Ich verlängere meinen Aufenthalt in dem gemütlichen Hotel hier direkt nochmals um weitere 8 Tage und will heute nur eine kleine Runde laufen. Ein weiteres Mal starte ich auf dem SWCP und laufe dann doch die erste Etappe bis Porlock, ca. 15 km. Eine traumhaft schöne Landschaft umgibt mich, ein gesunder alter Wald und Heidelandschaft bei schönem Sonnenschein. Mit dem Bus geht es zurück nach Hause und jetzt tun mir die Knochen erst recht weh. Das Wandern hier ist ein Traum und wenn ich es nicht anders schaffe als so, dann laufe ich den Coastal Path eben auf diese Weise: Morgens mit dem Bus zurück zu der Stelle, an der ich am Tag zuvor aufgehört habe und dann die nächste Etappe, halt alles ohne Gepäck auf dem Rücken. Ich gebe jedoch die Hoffnung nicht auf, dass meine Kräfte nach Jahrzehnten im Büro wieder zurück kommen und ich doch noch wie geplant mit all meinen Sachen von Campingplatz zu Campingplatz ziehen kann. Das ist wirklich mein Traum, so diesen Sommer zu verbringen. Und jetzt erst mal sicher im Hotel schlafen und morgen weiter sehen.

22. Mai – Heute Morgen nach dem Aufwachen ist mir wieder schwindlig, aber nur noch halb so sehr wie gestern. Nach Yoga und Frühstück will ich wieder los, diesmal nur eine Runde rund um Minehead und nicht so weit. Mit der App Mapy.cz plane ich mir eine neun Kilometer lange Tour, Mapy.cz führt mich mit GPS, auch im Offline Modus. Hinter dem Ort gehe ich den Hügel hinauf, erst durch einen herrlichen englischen Park, dann durch gesunden alten Wald. Die Hüften tun nicht mehr weh, die Einreibungen mit der Beinwell Salbe Traumaplant haben geholfen. Aber das rechte Knie tut sehr weh, das ist ganz neu für mich. Das rechte Bein hat sich in den letzten zwei Monaten gestreckt, wohl durch die Traumatherapie (psychologisch und physiologisch), meine Wehrlosigkeit gebe ich auf und das seit der Kleinkindheit verbotene Treten gegen oder hinein in das, was quält, erscheint nun auf einmal möglich. Die Muskeln in meinem Bein, die es fest und steif gehalten haben, dürfen und wollen sich bewegen und plötzlich werden im Knie Gelenk und Sehnen gedehnt und belastet. Es ist ein höllischer Schmerz, mehr seelisch als körperlich, und ich will jammern und wimmern, aber stattdessen gehe ich immer weiter, lasse mir den Schmerz bewusst werden und atme, atme und atme. Bilder aus der Kindheit fallen mir ein, Bilder, die zu dem Schmerz passen, und ich stelle mir vor, das ich mich gegen meine Quälgeister wehren kann. Zum Glück ist der Schmerz nur auf dem Weg bergab und als ich unten bin, komme ich endlich gut nach Hause. Gegen die Knie Schmerzen hilft jetzt nur noch Röwo Sport Gel Spray und Ausruhen. Ich möchte unbedingt morgen wieder los in die schöne Landschaft hier und meine Knochen durch die freie Bewegung genesen lassen. Die intensive Seeluft hier fordert ihren Tribut und ich bin nun sehr müde.

23. Mai – Gut geschlafen habe ich nicht, bin aber dafür früh aufgewacht. Kein Schwindel mehr und kaum Schmerzen. Nach Yoga und Frühstück plane ich eine 11 Km Tour durch Exmoor, eine Runde durch die Hügel hinter Minehead. Auch hier ist die Natur intakt. Viele alte Bäume stehen hier, ein Mischwald mit phantastischen Baum-Individuen. Meine Beine laufen gut, nur etwas langsam bin ich. Weiter oben auf dem Höhenzug dann ein großartiger Ausblick auf die Küste östlich von Minehead. Ein völlig gesunder Nadelwald schließt sich an, kein einziger Baum wirkt krank, auch die gefallenen Bäume zeigen keine Anzeichen von Borkenkäfern. Es ist so schön. Der Wind rauscht durch diese Bäume, ein gleichmäßiges, tiefes und beruhigendes Geräusch, dass ich in Deutschland schon lange nicht mehr gehört habe.

Bergab kommen die Schmerzen im rechten Knie wieder zurück, sie sind jedoch längst nicht so wie gestern. Aber immer noch ist es mehr wie ein seelischer Schmerz als wie ein körperlicher. Ich muss jeden Schritt ganz bewusst setzen und durch das richtige Aufsetzen und Belasten des Beins bleiben die Schmerzen in Grenzen. Und als unerwartete Nebenwirkung richte ich mich im Oberkörper gerade auf, ich kann gar nicht mehr so nach vorne gebeugt gehen wie früher. Das ist ein wunderbares Gefühl.

24. Mai – Nach kurzem tiefen Schlaf bin ich aufgewacht von einem Alptraum. Das war sehr unangenehm, es war als sei ich zurückgekehrt in die Hilflosigkeit meines jungen Erwachsenen Lebens. Ich konnte danach lange nicht einschlafen und bin ohne Yoga zum Frühstück gegangen. Dann habe ich mich ein bisschen an der Seafront umgesehen und bin anschließend nur eine 6 km Runde westlich von Minehead über Nord Hill parallel zur Küste gegangen. Ohne Schmerzen heute, ebenerdig fast mit früherer Geschwindigkeit, den Berg runter wieder ganz langsam, jeden Schritt bewusst setzend und – ohne Schmerz im Knie. Danach Cream Tea mit Scone und Clotted Cream (eine Art Süßrahm) und Jam. Das ist wirklich köstlich. Jetzt mache ich noch die Yoga Übungen und dann freue ich mich schon auf den nächsten Tag.

Durch die Alpträume der letzten beiden Nächte verarbeite ich Traumata aus der Jugendzeit. Das rechte Bein strecken, bewusst auftreten und das Gewicht über den Mittelpunkt des Beines hinweg zu bewegen, das erfordert Mut und Selbstbewusstsein. Es ist schwierig für mich, dieses Gefühl, ich gehe alleine und selbstbestimmt mit dem Gefühl, dass es gut so ist, anzunehmen. Ganz schwierig. Als ich Kind war in den 60iger Jahren und sozial geprägt wurde, durfte eine Ehefrau nicht ohne Erlaubnis ihres Mannes arbeiten gehen. So war das damals. Wenn ich da mal mit dem Fuß aufgestampft habe und meinen Willen lauthals kund tat, das war richtig schlimm. Und belächelt wurde ich irgendwie verächtlich, wenn ich Bewegung und Freiheit wollte, wie ein Junge, wie einer meiner Brüder. Überhaupt: Lob gab es für Leistung eher nicht und während meine Brüder sich ihres einholen konnten, wurde ich nur angeguckt: Was will die denn jetzt. Lob und Zuwendung hätte es gegeben für angepasstes weibliches Verhalten mit seiner schwierigen sozialen und subtilen Vielschichtigkeit, aber das war mir als Autistin nicht zugänglich. Mein Gehirn konnte diese komplexen sozio-emotionalen Verrenkungen niemals erfassen, geschweige denn verstehen und umsetzen. Also benahm ich mich wie meine Brüder oder vielmehr: Ich versuchte es. Und es gab jedesmal nur Ärger. Zuerst harsche Zurechtweisung und dann, als das nicht fruchtete, Verachtung, Ablehnung, Lächerlichkeit. Ich konnte es nie begreifen und es hat mich im innersten verletzt und zerstört. Nun mache ich seit 2009 Therapie, die auf den Diagnosen Asperger Syndrom und Posttraumatisches Belastungssyndrom basiert, und endlich, nach 15 Jahren dieser gezielten Behandlung, kann ich lernen, mit meinem Bein aufzutreten, mit dem vollen Selbstbewusstsein eines freien Menschen.

25. Mai – Die Träume werden weniger schlimm und ich wache früh auf, habe Energie für Yoga und das Frühstück. Dann will ich mit dem Bus ein Stück die Küste weiter westlich fahren, um dort 8 km auf dem Coast Path zu gehen. Leider jedoch werden ein alter Herr und ich von dem Busfahrer nicht mehr mitgenommen, der Bus sei voll. Der nächste Bus fährt in drei Stunden. Also Planänderung und ich laufe wieder einmal westlich von Minehead den Coast Path und dann, nach ca. 5 km, über den Rücken des North Hill zurück. Hier gibt es sehr viele parallele Pfade und das macht es dann doch abwechslungsreich. Nach ca. 11 km Weg komme ich sehr müde in die Pension zurück, doch zum Glück bin ich nur müde und habe ansonsten kaum noch Schmerzen. Vielleicht klappt es ja morgen mit der Busfahrt nach Lynton.

26. Mai – Nach richtig viel Schlaf und nicht so sehr merkwürdigen Träumen bin ich fit für Yoga und Frühstück und anschließend suche ich mir erst einmal ein neues B&B für ab dem 3. Juni. Ich ziehe 60 km weiter die Küste entlang nach Ilfracombe und habe dort noch einmal ein eigenes Zimmer, wo ich meinen Rucksack lassen kann, so dass ich dort wie jetzt auch den SWCP unbeschwert Etappe für Etappe erkunden kann. Meine Beine funktionieren jeden Tag besser, aber wandern mit dem 9 Kilo schweren Rucksack wäre noch zu viel für Hüften und Knie. Und außerdem fehlt mir dazu noch die Kraft in den Beinen.

Bus fahren geht heute nicht – Sonntag auf dem Land, da fährt nicht viel. Es ist auch der erste Tag, an dem richtig Regen runter kommt. Meine Outdoor Sachen sind ziemlich gut und es macht Spaß, durch den nassen Wald zu gehen. Die Luft riecht unglaublich lecker und zwischen den Bäumen steht ein ganz zarter, durchsichtiger Nebelschleier. Ich laufe wieder 10 km und bin sehr zufrieden damit.

Der „psychische“ Schmerz ist von dem rechten Knie in die rechte Hüfte gezogen. Hier entdecke ich eine automatische Vermeidungs-Bewegung, die die Hüfte steif hält und die fehlende Bewegung runter drückt auf das Knie. Das ist natürlich nicht so gut. Dann wird das Knie überdreht und überlastet. Aha, so, so. Also die Hüfte drehen und mal sehen was passiert: Die Hüfte drehen oder vielmehr schwingen, das erzeugt einen typisch weiblichen Gang und das erzeugt sehr schnell ein Gefühl von „das geht ja gar nicht“. Ein Teil von mir ist zwar begeistert, dass auch ich mich so bewegen kann, aber erlernte Verbote setzen dem schnell ein Ende. Wie vor ein paar Tagen muss ich nun ganz bewusst bei jedem Schritt die Drehbewegung vom Knie in eine Schwingbewegung der Hüfte verändern. Und dann ist es bei der Hüfte wie beim Knie, der einsetzende Schmerz ist eher seelisch als körperlich. Die misslungene Anpassung an die weibliche Rolle während meiner Entwicklungszeit vor mehr als 50 Jahren hat all die Jahre meinen Bewegungsspielraum maßgeblich beeinflusst. Wie schön, dass ich das nun bemerke und dass mein Körper offensichtlich bereit ist für Verbesserungen. Durch die neuen Bewegungsabläufe werden auch die Füße anders belastet und vielleicht kann ich womöglich und hoffentlich sogar verhindern, dass die Deformierung der Großzehen Grundgelenke (Hallux Valgus) weiter fortschreitet.

27. Mai – Nun habe ich doch wieder Schmerzen im Knie, also in Zukunft muss ich nach dem Wandern die Stelle besser mit der Beinwell Salbe versorgen. Heute fahre ich mit dem Bus nach Westen, um den Coast Path weiter zu erkunden. Die zweite Etappe zwischen Porlock und Lynton teile ich mir auf, denn die 20 km am Stück schaffe ich nicht. Etwa auf der Hälfte der Strecke ist eine Bushaltestelle, was sehr praktisch ist. Das Teilstück von 8 km heute ist wieder sooo schön und ich genieße den Weg, bleibe ganz oft stehen, um zu schauen, und mache auch ein paar Fotos. Dann erreiche ich die Bushaltestelle, von der aus ich wieder zurück nach Minehead fahren will – und es kommt kein Bus. Schließlich strecke ich den Daumen raus und Jenny hält an und nimmt mich mit nach Minehead. Sie meint nur „British Busses“ und „Bank Holiday“ und schüttelt mit dem Kopf. Wir haben eine sehr nette Unterhaltung und ich sitze auf dem Platz, wo eigentlich ihr Hund sitzt und genieße die Sitzheizung, nachdem ich eine Stunde an der Haltestelle auf kaltem Stein gesessen und auf einen Bus gewartet habe, der nicht kam. Aber so ist es nun viel schöner, Jenny erzählt und es ist interessant. Sie erklärt mir, dass man in England nicht mehr vom autistischen Spektrum spricht, also so wie auf einer Linie von leichter Störung bis zu schwerer Behinderung, sondern von einem Rad (wohl fast eher ein Kreis), auf dem die unterschiedlichen Arten des Autismus gleichermaßen dargestellt werden. Also fällt (endlich) die Bewertung weg, dass Asperger eine „leichte Störung“ ist. Das ist nämlich vollkommener Quatsch. Denn eine umfassende oder, wie sie sagen, tiefgreifende Störung der sozio-emotionalen Entwicklung führt zur Unfähigkeit, erfüllende soziale Beziehungen zu entwickeln und aufrecht zu erhalten. Was das bedeutet, kann sich eigentlich doch jeder vorstellen, der einmal einen Augenblick in sich geht, um sich das für sein eigenes Leben vorzustellen. Und so komme ich sehr bereichert in meiner Pension an.

28. Mai – Gestern die Tour war sehr aufregend und anstrengend und so bleibe ich heute in Minehead in der Nähe von meinem Hotel. Das Städtchen ist sehr schön und hat interessante Läden und Cafés, sogar einen Bioladen habe ich gefunden. Es gibt wenig Souvenir Geschäfte und wenn, dann meistens Handwerkskunst aus der Region. Das finde ich sehr schön. Zwei bis drei Stunden im Stadtbetrieb und unter Menschen ist so anstrengend! Viel ermüdender als sechs Stunden unterwegs in der Natur. Morgen will ich die erste Hälfte der zweiten Etappe gehen, von Porlock nach County Gate, der Bushaltestelle, das sind etwa 12 km.

29. Mai – Heute morgen will ich wieder Bus fahren. Das Abenteuer beginnt. Wir sind etwa 15 – 20 Leute an der Haltestelle und ich denke mir schon, ohje, ohje. Der Bus biegt um die Ecke und – auf der Anzeige für das Ziel steht statt dessen „Sorry, Bus Full“. Wir sind alle ganz still. Dann hält der Bus doch, die Tür öffnet sich und der Busfahrer sagt, er habe noch zwei Plätze frei. Fast alle Wartenden sind in kleinen Gruppen da. Nur ein alter Mann und ich sind einzeln da. Wir schauen uns an, können unser Glück kaum fassen und huschen schnell in den Bus. An der nächsten Haltestelle steigt eine Einheimische einfach ein, redet auf den Busfahrer ein und quetscht sich dann zu uns hinten auf die letzte Bank (ein Hund und ein Rucksack müssen auf den Boden ausweichen).

Dankbar für die Fahrt komme ich in Porlock an und laufe den ersten Teil der zweiten Etappe, ca. 14 km. Der Weg führt an der Küste entlang durch dichten Wald, das Meer sieht man selten, aber man kann es hören. Das Rauschen der Wellen ist ein schönes, beruhigendes Geräusch. Noch schöner ist der Vogelgesang und an einer Stelle scheint eine Nachtigall Familie zu leben; laut und durcheinander und sehr schön singen sie. Es geht steil hinauf und hinab und ganz geschafft komme ich an der Bushaltestelle an. Schmerzen habe ich kaum.

Nun das Warten auf den Bus zurück nach Minehead. In einer halben Stunde soll der nächste Bus kommen. Etwas ängstlich und nervös warte ich ab. Und die Freude ist groß, als der Bus kommt und für mich hält. In Minehead dann noch etwas Fisch essen und endlich nach Hause, der Tag ist vorbei und war klasse.

30. Mai – Ich bin heute Morgen noch sehr müde von der Wanderung gestern. Die Schmerzen halten sich allerdings in Grenzen, das ist gut. Zum Ausgleich für die Anstrengung gestern fahre ich heute mit der historischen Dampflok Eisenbahn. Start ist hier in Minehead, dann geht es 20 Meilen östlich in die Region Somerset bis Bishops Lydeard. Mit dem Tagesticket kann man hin- und herfahren oder auch zwischendurch aus- und in den nächsten Zug wieder einsteigen. Die Bahn, die Bahnhöfe und alles, was damit zusammen hängt, sind sehr schön gepflegt und in Funktion erhalten, ohne dass es durch Sanierung unecht oder kitschig geworden wäre. Es sind sehr viele Angestellte zugange, die sich um alles kümmern und sich auch für alles die Zeit dafür nehmen können. Nichts wirkt verwahrlost und Hektik kommt überhaupt nicht auf. So zu arbeiten scheint offensichtlich viel Spaß zu machen und die fröhliche Atmosphäre wird von den Mitreisenden wider gespiegelt. Mir wurde empfohlen, in Watched auszusteigen und mich dort umzusehen. Das ist auch wirklich ein guter Tipp. Watched war einmal ein wichtiges Handelszentrum und auch hier wurden die alten Gebäude und Gegenstände der damaligen Zeit gut gepflegt und in ihrem ursprünglichen Zustand belassen. Es ist ein schöner Aufenthalt und die altertümliche Bahn und die historischen Orte haben eine wunderbare beruhigende und entschleunigende Wirkung.

Die Touristen hier sind alles Briten und sie sind gelassen und freundlich im Umgang miteinander, gleich ob man einander kennt oder nicht. Ich erlebe hier viel weniger sozialen Stress als in Deutschland und ich habe hier viel weniger Panik, unter Leute zu gehen. Zu Hause in Deutschland traue ich mich oft nicht, z. B. mich in ein Café zu setzen, ich fühle mich beobachtet und nicht akzeptiert. Ich bin anders, ich bin Autistin. Das spüren die Menschen sofort. Hier ist es etwas anderes. Es ist offensichtlich nicht schlimm, dass ich anders bin, solange ich mich selber höflich, freundlich und zurückhaltend verhalte. Das Gefühl, ständig die Gejagte zu sein, wie ich es in Deutschland gewohnt bin, hier fällt das von mir ab. Es ist wunderbar.

31. Mai – Das Wetter soll heute gut werden und ich will die erste Etappe des Coastal Path nochmal gehen, diesmal die längere Strecke an der Steilküste entlang, ca. 17 km. Ich fahre mit dem Bus bis Porlock und laufe dann auf dem Path zurück nach Minehead. So habe ich das spannende und anstrengende Stück zuerst, wo ich noch nicht müde bin. Es beginnt ganz sanft unten am Meer in den Salzwiesen. Dort höre ich die Feldlerche singen, das habe ich schon sehr lange nicht mehr gehört, etwa 55 Jahre. Früher gab es diesen Vogel auch bei uns über den Feldern des Vororts von Köln.

Dann beginnt der Anstieg hinauf zu dem Pfad an der Steilküste entlang. Oben wird gewarnt, wenn es sehr windig ist, soll man da nicht entlang laufen. Das ist auch absolut schlüssig. Heute ist es schon windig, aber nicht zu sehr. Ich und viele andere Wanderer gehen also hier entlang. Alle sind begeistert und haben viel Spaß dabei, das merkt man schon. Das Stück an der Steilküste entlang ist ziemlich lang und es geht auch immer wieder steil bergauf und bergab. Das ist schon richtig anstrengend heute. Mein Knie fängt jedoch erst auf den letzten 3 km auf dem Abstieg nach Minehead an zu schmerzen. Und der Schmerz hört auch auf ebener Strecke wieder auf.

Meine Beine werden regelrecht wiederbelebt. Es ist viel besser, wenn ich das Laufen ganz den Beinen überlasse, allerdings nicht so nebenbei und mit den Gedanken ganz woanders. Das funktioniert gar nicht. Nein, die Füße und Beine und auch die Hüfte sich bewegen lassen, wie sie es für richtig halten, und mit der Aufmerksamkeit ganz dabei sein. Auf all die Gefühle achten, die plötzlich durch die Bewegung freigesetzt werden. Gefühle, die mit Weiblichkeit verbunden sind, mit der sozialen Rolle oder mit Sexualität. Viele Situationen aus meinem vergangenen Leben fallen mir wieder ein und es ist schwierig, fokussiert zu bleiben. Aber anders geht es nicht und so ist es auch gesünder. Es ist schon interessant, wie doch der Körper ein Speicher für die Erinnerungen an diese Erlebnisse ist. Immer hatte ich das Gefühl von totem oder halbtotem Fleisch in meinen Oberschenkeln und dem Gesäß. Jetzt erscheint es einleuchtend: Wenn dieses Fleisch hauptsächlich Speicher für beängstigende, bedrohliche oder einschränkende Erinnerungen ist, dann kann ich es ja auch nicht als zu mir gehörend empfinden. Diese Wanderung ist Therapie-ergänzend! Sehr schön. Mal sehen, was sich daraus entwickelt.

1. Juni – Heute ist wieder Ausruh-Tag. Ich nehme den Exmoor Coaster Bus nach Lynmouth. Lynton ist das eigentliche Städtchen und liegt hoch über der Küste oben auf dem Felsen. Lynmouth liegt darunter auf Höhe des Meeres und hier ist der Hafen und die Mündung der Lyn, eines schnellen, kleinen Flusses, der aus zwei Armen gespeist, die felsigen Hügel hinab geschossen kommt. Lynton und Lynmouth sind über eine in den Felsen gehauene Bahntrasse für die Wasserballastbahn verbunden. Die Bahn wird ausschließlich mit Wasserkraft betrieben: zwei Waggons sind über Stahlseile miteinander verbunden, einer ist oben, wenn der andere unten ist. Beide haben Wassertanks. Der Tank des oberen Waggons wird mit Wasser gefüllt (wohl aus einer schnell sprudelnden Quelle), während der untere das Wasser ablässt. Irgendwann ist der obere Waggon so viel schwerer als der untere, dass er sich durch die Schwerkraft gezogen nach unten bewegt und den anderen Waggon dabei nach oben zieht. Dieses nachhaltige Transportmittel wurde 1890 in Betrieb gesetzt. Die Trasse wurde tief in den Felsen gehauen, da sie sonst das Auge beleidigt hätte (would have been an eyesore). Sehr zu bewundern, diese Engländer.

Auch Lynton ist ein sehenswertes Städtchen. Es gibt sehr viel Kunsthandwerk und viele hübsche kleine Läden, die lokale Produkte anbieten. Ich würde vieles kaufen mögen, zum Glück bin ich nur mit Rucksack unterwegs und will kein unnötiges Gramm Gewicht zu viel dabei haben. Zu Mittag esse ich in einem kleinen Lebensmittel Geschäft, das auch Pasties und so hat. Der Inhaber hat lokales Fleisch und Gemüse und ein paar Bio Produkte wie Nudeln, Tee, Wein und Gewürze. Es ist ein sehr gemütlicher Ort und während ich auf mein Essen warte, kommen einige einheimische Kunden. Man nimmt sich viel Zeit für einander und im Hintergrund läuft gute Musik.

Sehr satt und sehr zufrieden gehe ich davon und schaue mich noch in Lynton um, dann geht es mit der Wasserballastbahn zurück nach Lynmouth und zur Bushaltestelle. Der Exmoor Coaster ist ein Doppeldecker Bus und das obere Deck ist zu zwei Dritteln offen. Die Plätze sind wegen der Aussicht auf die schöne Landschaft Exmoors begehrt und wegen des Abenteuers, dort während der Fahrt den Elementen ausgesetzt zu sein. Alle, egal welchen Alters, quieken und kichern, wenn heftige Windböen uns treffen oder die Zweige der Bäume am Straßenrand nach uns schlagen. So viel Spaß!

2. Juni – Letzter Tag in Minehead: Das Wetter ist wunderschön und es lohnt sich, heute an den Strand zu gehen. Der Himmel ist strahlend blau und es geht ein leichter Wind. Am Strand sind noch viele Plätze frei und ich setze mich für zwei Stunden in die Düne vor der Strandpromenade.

Es sind wieder die Familien unterwegs und einzelne Leute mit ihren Hunden. Ich entspanne mich und fühle in meinem Körper, wie und wo ich meine wahnsinnige Angst vor fremden Menschen speichere und immer wieder aktiviere. Es ist ein unglaublich subtiler Prozess und es geschieht in Bruchteilen einer Sekunde: Ich nehme wahr, es kommt jemand vorbei oder ich höre Leute, und der Bereich zwischen Hals- und Brustwirbelsäule im Nacken zieht sich zu, sämtliche Wahrnehmung des Bereichs wird gekappt und meine Körperhaltung wird ziemlich abweisend. Zwar recht subtil, aber die Leute spüren es und es kann verletzend für sie sein. Dann ist der soziale Stress natürlich aktiviert. Normalerweise werde ich erst jetzt über den Vorgang bewusst und erlebe die Ablehnung der anderen als ersten Teil der Interaktion. Ersten Fehler gefunden!

Also spüre ich nach, warum sich dieser für die entspannte Interaktion wichtige Bereich im Nacken bei Wahrnehmung anderer Personen bei mir so zuzieht. Es scheint so zu sein, daß ich die Wahrnehmung der Begegnung in meinem zentralen Nervensystem immer gleich auf der untersten Ebene, also im Stammhirn, wo Kampf und Flucht verarbeitet werden, als nicht okay einordne. So behandele ich körpersprachlich jeden harmlosen Menschen, der mir entgegenkommt, als gefährlichen Feind.

Ich probiere aus und wenn ich ganz bewusst das Signal, da kommt jemand, zu einer differenzierteren Bewertung in höhere Instanzen durchleite, dann kann ich dem Bereich im Nacken „sagen“, alles ist okay. Das Einnehmen der gewohnten ablehnenden Körperhaltung muss ich bewusst unterbrechen und mich auf Entspannung vom Nacken ausgehend konzentrieren. Mein Nacken „sagt“ sozusagen, alles okay. Sofort wird die Reaktion der Menschen auf mich ganz anders. Ich werde nicht mehr als anders oder „komisch“ wahrgenommen. Ein Wunder hat gerade stattgefunden: Ich bin anonym in der Masse untergetaucht. Ein sehr lang ersehnter Moment ist Wirklichkeit geworden.

Ich kann diese Abläufe leider nicht einfach durch bewusst neues Verhalten umprogrammieren, weil die Wurzeln für den Prozess posttraumatisch in der Amygdala verankert sind. Die Amygdala ist ganz laienhaft ausgedrückt eine Drüse im Gehirn, die die Verwaltung von Kampf- und Fluchtreaktionen inne hat. Durch einen Schock wird sie aktiviert und sorgt für die Optimierung der Kampf- und/oder Fluchtreaktion. Ein Millionen von Jahren alter Überlebensmechanismus. Beim modernen Menschen geht dabei fast immer etwas schief und so kommt es zum Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTSD), eine Erkrankung der Psyche, mit der viele Menschen zu tun haben.

Der Körper kennt aus seiner evolutionären Entwicklung Mechanismen, das PTSD aufzulösen. Das gilt leider nicht für die modernen Traumata, die sich im sozialen Bereich abspielen. Hier bleibt das PTSD in den meisten Fällen einfach bestehen, wenn es nicht professionell behandelt wird. Und darum kann ich mir hier bei meinem oben geschilderten Problem nicht einfach durch Antrainieren von neuen Verhaltensweisen helfen. Parallel zu diesem Training, das ich natürlich nicht außer Acht lassen will, muss ich mit professionellen Methoden die Verankerung des Prozesses in der Amygdala lösen. Mit sehr modernen Therapie Methoden kann man das und es ist überhaupt nicht einfach.

Für Heute ist das alles schon sehr viel und ich muss mit diesen anstrengenden Zwischenzuständen leben. Die Erfahrung hat gezeigt, dass ich auf diese Weise ganz gut meine Persönlichkeit verändern und verbessern und mein Leben so viel lebenswerter gestalten kann.

3. Juni – Die ersten beiden Etappen des South West Coast Path bin ich nun ohne Rucksack auf dem Rücken gegangen und das war auch gut so. Durch das hin- und her fahren mit dem Bus habe ich viele Menschen erlebt, die ich sonst nicht getroffen hätte und das wäre sehr schade gewesen. Die Art des Umgangs miteinander, wie es hier praktiziert wird, ist sehr positiv und hat mein Leben bereichert.

Heute ziehe ich weiter die Küste entlang nach Westen. Ich fahre mit dem Bus von Minehead in Somerset nach Ilfracombe in Devon. Ilfracombe ist eine etwas größere Stadt und hier ist die durch die Wirtschaftskrise entstandene Armut deutlich sichtbarer als in Minehead. Trotzdem ist es eine schöne Stadt und traditionell ein Urlaubsort. Es ist weniger fein und stilvoll als Minehead und Lynton/Lynmouth, weniger Kunsthandwerk, viele Secondhand und Charity Läden. Die Gesichter der Menschen haben öfter mal einen mutlosen Ausdruck, das ist sehr schade. Nichtsdestotrotz sind die Leute auch hier sehr freundlich und ruhig.

Ich habe trotz der Umstellung und der Busfahrt noch Mut und Lust auf etwas Neues und gehe durch die High Street, der Einkaufsstraße, zum Hafen hinunter. Es ist alles weitläufiger hier und auf den den Hafen umgebenden Felsen sind sehr schöne Parks zum Spazieren gehen. Zu essen hole ich mir eine Cornish Pasty und Fudge zum Nachtisch. Beides ist sehr lecker.

Am Hafen ist eine Bronze Statue, „Verity“. Beeindruckend sind die Größe und dass die rechte Seite ohne Haut dargestellt ist. Man sieht Muskeln, Organe und Fötus, die Haut hängt am Oberschenkel herunter. Warum sie da so steht, habe ich noch nicht herausgefunden.

Morgen jedenfalls ziehe ich mich erstmal wieder in die Einsamkeit auf dem Coastal Path zurück, genug gemenschelt für‘s erste.

4. Juni – Mit dem local bus fahre ich nach Combe Martin. Der Exmo Coaster fährt nicht, die Strecke zwischen Combe Martin und Lynton ist für diese Woche gesperrt. Das ist blöd, weil ich die dritte Etappe (Lynton/Ilfracombe) nicht gehen kann, wenn der Bus zwischen Ilfracombe und Lynton nicht fährt. Die vierte Etappe von Combe Martin nach Ilfracombe gehe ich heute. Mit dem Bus 301 bin ich schnell in Combe Martin. Das Wetter ist heute kühl, windig und nass. Ich bin auch bald kühl und nass. Die Route läuft meistens nahe an der Straße entlang und ich könnte jederzeit zur nächsten Haltestelle gehen und zurück fahren. Aber mache ich nicht. Es sind ziemlich viele Leute auf dem Path unterwegs und sie sind mit dem Wetter zufrieden. Es macht auch irgendwie Spaß, durch dieses Power Wetter zu laufen. Für etwa 10 km brauche ich 4 Stunden. Der letzte Teil der Strecke ist wegen der Steigungen anstrengend und die Schmerzen im Knie kommen zurück. Das Wetter macht mir Stress und ich laufe nicht so achtsam, wie ich es müsste. Vielleicht ist es auch durch die Kälte schlimm. Ansonsten geht es prima, die Kondition bessert sich weiter.

In Ilfracombe kaufe ich mir im Bioladen (Whole Food) ein paar Riegel, Tee und Bio-Müsli für mein Frühstück. Diane vom Glen Devon Hotel hat nichts dagegen. Dann weiche ich die Wäsche ein und ruhe mich aus. Hier im Hotel kann man auch nachmittags essen und ich hole mir ein Tuna Mayonnaise Sandwich. Sehr lecker und nicht teuer.

5. Juni – Das Wetter ist wieder schöner geworden. Ein sehr guter Tag, um die fünfte Etappe von Ilfracombe nach Woolacombe zu gehen. Es wird sonnig werden heute, aber jetzt ist es noch richtig kalt. Ich ziehe mir die Wolljacke und die Regenjacke an, aber ich weiß, nachher wird das zu warm sein. Darum nehme ich diesmal den super leichten Mini-Rucksack mit, den ich schon im Flugzeug als Handgepäck verwendet habe. Mit dem Bus fahre ich in 20 Minuten nach Woolacombe, denn ich gehe die Etappe rückwärts, dann brauche ich am Nachmittag nicht mehr Bus fahren. In Woolacombe suche ich erstmal nach einem ATM (Geldautomat), in der Post soll einer sein. In der Post bekomme ich nicht nur Bargeld, hier gibt es auch Lebensmittel. Ich nehme mir eine halbe Liter Flasche Wasser mit. Bisher habe ich darauf verzichtet, Wasser mitzuschleppen. Ich habe einfach morgens so viel wie möglich getrunken, dann bin ich die sechs Stunden, in denen ich unterwegs war, gut ausgekommen.

Außerdem nasche ich Kräuter, die mir hier in den Mund wachsen: Brennessel Spitzen, Holunderblüten und so. Dann habe ich keinen trockenen Mund mehr und einen wirklich leckeren Geschmack im Mund. Einmal gab es Knoblauchsrauke, das war super. Aber Kräuter muss man hundertprozentig genau erkennen, sonst kann das übel enden. Es gibt eine App, Flora Incognita, die hilft gut dabei kennenzulernen, was so am Wegrand wächst. Und man muss wirklich aufpassen, dass die Kräuter frisch und nicht verschmutzt sind (Hundepippi z. B.). Aber dann, wenn man es raus hat, ist es eine gute Sache: maximale Nährstoffe bei minimalen Kalorien und hundertprozentig nachhaltig.

Also gut, hier in Ilfracombe schmeckt mir das Leitungswasser irgendwie nicht, ich konnte nicht genug auf Vorrat trinken und deshalb habe ich mir Wasser gekauft und nehme es jetzt im Rucksack mit.

Die Wanderung führt heute über steile Felsen an der Küste entlang, es geht unentwegt bergauf, bergab. Meine Knie Probleme kommen wieder und ich merke, dass sich mein Lernprozess von letzter Woche wieder weitgehend zurückgesetzt hat. Das ist typisch für problematisches Verhalten auf Grund von PTSD: Wenn das zugrundeliegende Trauma nicht aufgelöst wird, dann kehrt die Störung im Verhalten immer wieder zurück, egal wie intensiv man sie sich weg trainiert. Nun, da kann ich jetzt nichts weiter machen, als von vorne anzufangen. Die fehlerhafte Belastung im Knie beobachten und dann die Bewegungsabläufe bewusst so steuern, dass das Knie nicht mehr schmerzt. Wie zuletzt auch sind es Blockaden in der Hüfte, die die falsche Bewegung verursacht. Mühsam wird das Gehen ab dem letzten Drittel der 15 km langen Wanderung. Und diesmal kommt noch eine Blockade im Fußgelenk zu Tage. Anscheinend ist die ganze rechte Seite überhaupt nicht bereit und in der Lage, sich frei zu bewegen. Die aufkommenden Gefühle haben wie letzte Woche mit der fehlgeschlagenen Integration in mein weibliche Rolle zu tun. Da ich das Thema in den nächsten Monaten nicht therapeutisch angehen kann, muss ich mich wohl damit abfinden, das ich meine Bewegungsabläufe beim Wandern immer wieder aufs Neue optimieren muss.

Das alles ist aber nicht so schlimm, denn die Aussicht und das Wetter sind so wunderschön, es ist unglaublich, wie schön es hier ist. Es sind ziemlich viele Leute unterwegs, alle sind wohl froh, dass das schlechte Wetter eine Pause macht. Meistens bleibt man kurz stehen und tauscht ein paar Worte der Begeisterung aus oder man teilt sich eine der vielen Bänke, die hier stehen und einen einladen, zu bleiben und die Aussicht zu genießen.

Die vielen Kontakte und Begegnungen lenken mich immer wieder davon ab richtig zu gehen und die Schmerzen werden diesmal nicht weniger. Absolute Konzentration und Achtsamkeit wären gefragt, aber das schaffe ich nicht. Also durchhalten und das geht dann auch. In Ilfracombe helfe ich sogar einer Wanderin den Weg zur High Street zu finden, wir müssen ganz schnell gehen, weil sie hat Angst den letzten Bus zu verpassen. Und auch das geht.

Im Hotel angekommen macht Diane, die Vermieterin, mir noch ein leckeres Thunfisch-Mayonnaise Sandwich, mehr ist heute nicht zu tun.

6. Juni – Ich habe Angst, das Knie heute zu strapazieren und bleibe hier im Ort, in Ilfracombe („Combe“ bedeutet „schmales, enges Tal“). Der Ort selbst liegt auf Hügeln, die steil zum Hafen abfallen, viel herumlaufen kann ich hier heute leider nicht. Das Wetter ist wieder super sonnig, es geht jedoch ein frischer Wind. Nach dem Frühstück gehe ich erstmal auf mein Zimmer und suche mir eine Unterkunft in Barnstaple für die nächste Woche. Und dann die Busverbindung für die sechste Etappe morgen, von Woolacombe nach Croyde, heraussuchen, das ist nicht so einfach. Ich werde die Strecke wieder rückwärts gehen, denn am Nachmittag von Croyde mit dem Bus zurück nach Ilfracombe zu fahren, ist keine gute Option: Die Verbindung ist zu schlecht, die Fahrt dauert circa anderthalb Stunden. Darum fahre ich am Morgen mit Umsteigen in Braunton nach Croyde und wandere dann nach Woolacombe. Dort fährt der letzte Bus dann um 17 Uhr nach Ilfracombe. Das sollte machbar sein. Und am Samstag kann ich dann von Combe Martin aus ein Stück den Coast Path Richtung Lynton laufen, dann muss ich umdrehen und zurück, um von Combe Martin wieder zurück mit dem Bus nach Ilfracombe zu fahren. Das ist für mich die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas von der dritten Etappe zu sehen. Das ganze Stück zu laufen überfordert mich definitiv und es gibt keine Möglichkeit, diese Etappe in zwei Teilen zu gehen. Auf den 22 km Strecke findet sich keine erreichbare Bushaltestelle. Nun gut, Mut zur Lücke.

Von meiner Unterkunft in Barnstaple aus kann ich dann jeweils zwei Etappen in beide Richtungen laufen, Richtung Osten und Westen. Und ich hoffe, das es danach dann wetterbedingt und kräftemäßig vielleicht gehen wird, mit dem Rucksack auf dem Rücken zu wandern und zu campen. Aber ich werde es ja sehen.

Das rechte Knie tut nicht sehr weh, aber ich schaffe es kaum, meine Bewegungsabläufe so zu kontrollieren, dass die Ursache für die Schmerzen weg wäre. Bergab ist zur Zeit definitiv ein Problem. Jedenfalls werde ich morgen wieder trainieren, es richtig zu machen. Die Wanderung gestern war auch extrem: andauernd steil aufwärts oder abwärts und das über 15 km hinweg. Vielleicht kommt der Rückfall ja auch zum Teil davon.

Heute mache ich mir einen gemütlichen Tag im Sonnenschein am Hafen. Es ist Ebbe und ich kann im Hafenbecken spazieren gehen. Einige Boote stehen auf ihren Stelzen auf dem Meeresgrund, die kleineren liegen auf dem Bauch. Es ist schon ein besonderer Anblick. Im Sand des Hafens oberhalb der Boote spielen Kinder und bauen sich eine große Sandburg. Bis heute am späten Nachmittag haben sie Zeit, dann kommt das Wasser wieder. Noch weiter oben ist der Sand trocken und ein paar Menschen haben es sich dort gemütlich gemacht und sonnen sich, als wären sie am Strand. Viele kommen mit ihren Hunden vom Quai herunter, die Hunde haben einen riesigen Spaß und tollen miteinander herum. Hier zu verweilen ist wirklich sehr schön.

Dann geht’s nach Hause, ich will früh ins Bett, denn morgen früh muss ich die etwas schwierige Bustour nach Croyde machen und früher als sonst aufstehen.

7. Juni – Die Wanderung heute wird fast ohne Steigung sein, da freue ich mich schon drauf. 10 km von Croyde nach Woolacombe. Mit dem Bus fahre ich früh nach Croyde, in Braunton muss ich umsteigen. Bus fahren ist für nicht-Einheimische abenteuerlich: Die Stationen muss man kennen, sonst weiß man nicht, wo man ist. Sie werden nicht angezeigt und sie sind auch nicht ausgeschildert. Ich helfe mir mit der App Mapy.cz, die offline funktioniert und Bushaltestellen auf ihrer Karte angezeigt. Mapy.cz ist eine gute Ergänzung zu Maps, besonders für Wanderer. Auf der Mapy Karte sehe ich, wie ich mich im Bus auf der Landstraße bewege und kann dann kurz vor Erreichen der Haltestelle auf den Stopp Knopf drücken. Sehr angenehm ist das Aus- und Einsteigen: Niemand drängelt, man ist höflich und lässt dem anderen den Vortritt und der Fahrer macht keine Hektik.

Ich komme früh in Croyde an und kann die Wanderung ganz gemütlich angehen. Ich gehe wieder sehr vorsichtig und beobachte meine Bewegungsabläufe bei jedem Schritt, um das rechte Knie richtig zu bewegen und zu belasten. Das ebenerdige Gehen funktioniert gut, auch nach der Hälfte der Wanderung noch keine Schmerzen. Wieder kommen die seelischen Aspekte der Bewegungseinschränkung hoch und auf der ebenen Strecke habe ich Muße, die Gefühle anzuschauen.

Ein Problem, das ich habe, ist, dass Weiblichkeit für mich gleich bedeutend ist mit weiblicher Sexualität. Für einen so normalen Vorgang wie Wandern ist das gar nicht okay und belastend. Der Versuch, nicht weiblich zu gehen, also nicht die Hüften zu schwingen, ist eine plausible Erklärung für die Blockaden, mit denen ich mein Knie zu unnatürlichen Bewegungen zwinge. Und ich vermute, dass die krankhaften Veränderungen der Füße (Hallux Valgus) ebenfalls damit zusammenhängen.

Das ist sowieso ein Thema für mich: Weiblichkeit vs. weiblicher Sexualität, da habe ich viele Schwierigkeiten. Ich bin neugierig, wie ich mich als Frau verändern werde, wenn ich lerne so zu laufen, dass ich mein Knie dabei richtig benutze.

8. Juni – Die dritte Etappe, Lynton/Combe Martin, wird ungelaufen bleiben. Die Aussicht auf der Strecke ist sicherlich wunderschön, aber ich werde die Steigungen mit dem bergab Gehen nicht schaffen. Auch nicht ein kleines Stück von Combe Martin aus und dann zurück. Also fahre ich mit dem Bus noch mal nach Croyde und laufe dann die 7. Etappe nach Braunton. Von dort geht es ganz einfach mit dem Bus zurück nach Ilfracombe. Die Strecke ist wieder flach, kilometerweit am Strand von Saunton entlang. Da ich bei ablaufendem Wasser laufe, brauche ich nicht den Weg durch die Dünen zu nehmen. Heute scheint die Sonne und in den Dünen ist es windgeschützt. Da würde ich gebraten werden! An der Wasserkante entlang ist es dagegen herrlich.

Der Strand von Saunton ist sehr lang und bei Ebbe ist die Wasserkante nochmals 1,5 km von den Dünen weg. Etwa 10 km gehe ich so am Atlantik bei diesem schönen Wetter entlang. Ich kann gar nicht beschreiben, wie gut das tut. Dann kommt das letzte Stück ins Inland zurück zur Bushaltestelle. Auf einem Deich laufe ich 5 km entlang mit Salzwiesen zur Rechten und Weiden zur Linken. Der Weg auf dem Deich ist steinig und schmal und jetzt wird es zu viel, viel zu viel. Mit letzter Kraft erreiche ich die Haltestelle und habe richtig Glück: Ich muss nur 4 Minuten auf den Bus nach Ilfracombe warten. Dort angekommen schleppe ich mich mit allerletzter Kraft zurück ins Hotel. Zwischenstopp bei Diane, um das Thunfisch-Mayonnaise Sandwich abzugreifen und dann zwei Stockwerke hoch zum Bett. Ich bin völlig fertig. Und döse erst mal ein paar Stunden. Dann essen, schreiben und schlafen. Schlafen mit Hilfe einer Schmerztablette, ohne geht nicht. 19 km bin ich gewandert, absoluter Rekord.

9. Juni – Es ist Sonntag, die Sonne scheint, und es ist mein letzter Tag in Ilfracombe. Ich schlafe aus, lasse mir Zeit beim Frühstück und dann gehe ich erstmal wieder in mein Zimmer. Heute wasche ich die Wäsche, die ich gestern Abend nicht mehr geschafft habe. Viel mehr muss ich heute nicht tun. Am Vormittag genieße ich die Sonne am Hafen, das Wasser ist gerade erst dabei abzulaufen und es riecht nach modrigem Meeresboden. Nach kurzer Zeit bin ich wieder ganz geschafft und gehe nach Hause. Später gehe ich noch mal spazieren und dann früh ins Bett. Ich freue mich auf den Ortswechsel morgen und bin gespannt auf Barnstaple.

10. Juni – Der Abschied von Ilfracombe ist ein bisschen traurig, es ist eine schöne Stadt und die Zeit bei Diane im Glen Devon Hotel war sehr angenehm. Um 10 Uhr verlasse ich mein gemütliches Zimmer. Mein Rucksack kommt mir schon etwas weniger schwer vor als letzte Woche, ich werde stärker, das freut mich sehr. Der Check-In in Barnstaple ist erst um 15:00 Uhr, jetzt muss ich zusehen, wie ich 5 Stunden mit dem Gepäck und ohne mich zurückziehen zu können herumkriege. Aber so viel Sorgen brauche ich mir gar nicht zu machen. Auf Anhieb finde ich ein windgeschütztes, sonniges Plätzchen in einem Café, die richtig guten Kaffee machen. Da mache ich es mir gemütlich. Dann geht es langsam zum Bus, zwei lasse ich fahren und der nächste fällt dann aus. Jetzt wird es doch anstrengend und als ich endlich im Bus sitze, bin ich schon wieder richtig müde. Straße und Menschen, das ist einfach anstrengend. In Barnstaple bringe ich erstmal das Gepäck weg und dann gehe ich einkaufen. Hier ist Selbstversorgung angesagt und ich hole mir Brot, Butter, Käse, Tomaten und Gurke für abends. Müsli habe ich in Ilfracombe schon gekauft und jetzt hole ich noch Äpfel, Bananen und Milch. Nun kann ich mich zurückziehen, wann immer ich es brauche und das ist beruhigend.

Barnstaple liegt nicht direkt am Atlantik, sondern an dem Fluss Taw, und das Stück bis zum Atlantik will morgen zu Fuß gehen und dann mit dem Bus wieder zurück.

11. Juni – Ich wache ganz früh auf und will schnell in die Gemeinschaftsdusche gehen, bevor die anderen Gäste kommen. Um 5:20 gehe ich also eine Treppe hinunter und da steht schon jemand, er will gerade wie ich duschen gehen. Nun gibt es dort zwei Duschkabinen und zwei Toiletten, jeweils eine für Damen und eine für Herren. Aber er besteht darauf, mir den Vortritt zu lassen. Soviel Höflichkeit hätte ich mir niemals vorstellen können. Diese Briten sind unglaublich!

Jetzt habe ich noch genug Zeit für ausgiebiges Yoga und dann mache ich mich auf den Weg zum Coastal Path. 13 km laufe ich am River Taw entlang. Die Strecke ist nicht so abwechslungsreich und hier verläuft der Coast Path auf dem Tarka Trail, einem Radwanderweg. Das bedeutet 13 km Asphalt und immer wieder Radfahrer die zwar rücksichtsvoll, aber doch schnell an mir vorbeifahren. Es ist interessant so zu laufen, denn ich kann mich gut selbst beobachten. Aber das ist dann auch schon alles.

Die nächste Etappe (Nr. 9, Barnstaple/Bideford) ist im Prinzip das gleiche nur auf der anderen Seite des Flusses. Ich werde diese Etappe überspringen und morgen mit der 10. Etappe weitermachen: Bideford/Westward Ho! Beides ist gut mit dem Bus von Barnstaple aus erreichbar.

Heute bin ich schon mittags wieder zurück in Barnstaple und habe Zeit, durch das alte Zentrum zu schlendern. Es ist städtisch hier, die Leute sind viel eher ungeduldig und wirken auch nicht so ausgeglichen wie in den ländlichen Orten. Hier ist der alltägliche Überlebenskampf auf den Straßen sichtbar und spürbar. Ich gehe dann noch in das Barnstaple Museum und hier ist es auf einmal wieder ganz altmodisch-britisch: Recht viele ältere Angestellte kümmern sich mit ganzer Aufmerksamkeit um das wunderschöne Museum und die Besucher. Ein kleines Haus voll mit alten, gut erhaltenen Gegenstände aus früheren Zeiten. Mit Geschichten und Bildern, einer uralten Dampflok, Kutschen, ein selbstgebautes Auto, Spielsachen, Kleidung, Werkzeug. Vieles zur frühen Geschichte von Devon, sogar ein Raum mit Knochen und Nachbildungen von den Tieren, die hier vor 400 Millionen Jahren gelebt haben. Britische Museen haben einen guten Ruf und das zu Recht.

Es ist immer noch früh und ich gehe nach Hause, müde von den vielen Menschen hier. Jetzt ist noch Zeit, die Wanderungen für den Rest der Woche zu planen und mir eine Unterkunft für die nächste Woche zu buchen.

12. Juni – Heute mache ich die 10. Etappe von Bideford nach Westward Ho! Die erste Hälfte der Strecke führt am River Torridge entlang, der in den Taw mündet, kurz bevor dieser in den Atlantik fließt. Bis zum Dorf Appledore gehe ich viel über Asphalt und an kleinen Industrie Gebieten vorbei. Im Torridge liegen viele Schiffwracks. Die Natur auf dem Pfad ist längst nicht so harmonisch wie zuvor die in Exmoor. Aber die Luft riecht wieder nach Atlantik und das ist toll. Hinter Appledore beginnen die Salzwiesen und die Dünen. Die Sonne scheint und es geht eine frische Brise. Nach weiteren 6 km erreiche ich Westward Ho! Hier ist mal wieder Urlaub und Vergnügung angesagt. Ich bin nun so müde, dass ich mich jetzt nur noch zum Bus schleppen kann und bin froh, als ich in meiner Unterkunft ankomme.

13. Juni – Die 11. Etappe von Westward Ho! nach Clovelly führt 18 km über steile Küste, bergauf und bergab. Das teile ich mir auf in 2 Stücke: Etwa auf der Hälfte gibt es eine gut erreichbare Bushaltestelle, bei Peppercombe. Mit dem 319 fahre ich bis Peppercombe, dann gehe ich zurück bis Westward Ho! Erstens, weil in Westward Ho! die Busse öfter fahren und zweitens, weil das letzte Stück ebenerdiger ist. Gestern war für heute noch gutes Wetter angesagt, aber das hat sich über Nacht geändert. Es nieselt und das wird heute auch so bleiben. Ich denke, das ist nicht so schlimm, auf den Klippen weht der Wind, da wird man auch schnell wieder trocken. Aber falsch gedacht: Die Klippen sind nicht aus Felsen, sondern die Küste besteht aus Lehm und Stein. Der Weg führt nicht an der Kante vorbei, sondern einige Meter landeinwärts. Und auf dem Lehm wächst das Kraut, Farn, Gräser, Brennesseln und vieles anderes ein bis anderthalb Meter hoch. Und natürlich, das ganze nasse Zeug hängt über dem Weg. Nach wenigen hundert Metern ist meine untere Hälfte durchnässt. Nach wenigen Kilometern sind meine feschen Leggero Goretex Wanderschuhe pitschnass. Einige weitere Kilometer und in meinen Schuhen quatscht es, als stünde das Wasser darin.

Doch es macht Spaß, durch das Power Wetter zu gehen. Einige Pärchen kommen mir entgegen, die älteren sind eher begeistert wie ich, die Jüngeren wirken mehr enttäuscht. Einige tragen Regenhosen und erst das bringt mich auf die Idee, die meinen aus dem Rucksack zu kramen und morgen mitzunehmen.

Kurz vor Westward Ho! ist das Kraut gemäht und ich mache Pause, um das Wasser aus den Schuhen auszukippen und die Socken auszuwringen. In Westward Ho! erwische ich den Bus und bin bald zu Hause. Leider ist hier die Heizung aus und ich wickele mich in den Schlafsack und die Bettdecke, dann wird es warm.

Die Schuhe sind tropfnass und ob ich die bis morgen trocken kriege ohne Heizung weiß ich noch nicht. Auf dem Heimweg habe ich Küchenpapier gekauft und jetzt kann ich die Schuhe damit indirekt von innen trocknen.

14. Juni – Heute geht die Tour von Clovelly nach Peppercombe, Etappe 11, 2. Teil. Ich fahre mit dem Bus 319 bis Clovelly. Also eigentlich will ich bis Clovelly fahren, aber dann fährt der Bus einfach weiter und auf Nachfrage erklärt man mir, dass Clovelly auf dem Rückweg angefahren werden wird.
Also verliere ich schon mal mindestens eine halbe Stunde von der Zeit, die ich für die Wanderung habe. Das Problem daran ist nämlich, dass der 319 überhaupt nur dreimal mal am Tag fährt.
Also, wenn ich in Peppercombe ankomme und den Bus um 15 Uhr nicht erwische, dann muss ich bis 19 Uhr warten. Oder mit dem Taxi fahren. Aber ich bin ja um halb elf in Clovelly, ich könnte das noch schaffen.
Angekommen gehe ich zur Toilette und ziehe meine Regenhose an, dann mache ich mich auf den Weg zum Coastal Path. Dabei verirre ich mich zum ersten Mal so richtig und lande in dem historischen Städtchen Clovelly, unten am Wasser. Das ist zwar sehr schön, aber jetzt verliere ich noch eine halbe Stunde. Also den Bus um drei in Peppercombe werde ich jetzt auf gar keinen Fall mehr schaffen. Alternativ beende ich die Wanderung eben zwei km früher, in Bucks Mills.

Dann habe ich den Pfad wieder gefunden, ich bin jetzt auf dem richtigen Weg und der ist erstmal sehr einfach zu laufen, das ist ganz gut um zu entstressen. Wenn ich bis Peppercombe laufen will, werde ich mir ein Taxi nach Westward Ho! rufen müssen und von dort geht es dann mit dem Bus 21 zurück nach Barnstaple. Das sind dann eben Investitionen, die getätigt werden. So, jetzt genieße ich erst mal die Wanderung, vor allen Dingen habe ich jetzt auch keinen Zeitstress mehr.

Das Wetter ist heute viel, viel besser. Es regnet nur ab und zu in Sturzbächen, aber im Moment scheint wieder die Sonne. Der Weg ist ein breiter Waldweg. So könnte man auch vor 20, 30 Jahren in der Eifel gewandert haben. So ist das hier und es riecht auch wie bei uns im Wald. Von der Küste sieht man nichts, man ist auf einem breiten Waldweg, halb hoch am Berg und sehr gemütlich am Wandern.

Auf diesem Teilstück hat mich die App Mapy.cz wieder mal gerettet, hier ist der Coast Path nicht so ausgeschildert wie sonst. Also ohne die offline GPS-Karte von der App hätte ich mich heute schon ein paar mal verirrt. Und – leider haben die verschiedenen Missgeschicke heute Morgen meine Amygdala dazu veranlasst, die Bewegungsfreiheit meiner Beine wieder einzuschränken, zu reduzieren. Jetzt kann ich zusehen, wie ich hier wieder Freiheit reinbekomme.

Und nun habe ich mich schon wieder verirrt. Heute ist nicht mein Tag. Mein Knie spüre ich jetzt auch wieder, trotz des einfachen Weges. Und ich schaffe es auch nicht, irgendwie die Bewegungsfreiheit wieder herzustellen. Und dann merke ich, dass ich in der Hüfte überhaupt kein Gefühl habe. Jetzt bin ich auf der Spur. Ich denke, nun wird es besser. Und hier gibt es auch wieder Kräuter, die zum Probieren einladen. Leckere Brennnesselspitzen, ganz frisch, ganz saftig, vom Regen frisch gewaschen. Sehr lecker. Und zum Nachtisch eine Holunderblüten Dolde.

Der Weg führt abwechselnd durch Wald und dann wieder über Wiesen. Den Stress kann ich aber nicht mehr abschütteln und ich kämpfe wieder damit, die Beine und das Becken bewusst richtig zu bewegen. Durch den Stress komme ich nicht aus dem Gedanken Karussell heraus und das stört die Aufmerksamkeit. In Bucks Mills mache ich Pause und checke, ob ich von hier aus den drei Uhr Bus schaffen kann. Wenn ich den steilen Weg den Berg hinauf bis zur Landstraße in 20 Minuten mache, kann es klappen. Wie eine Verrückte renne ich bergauf (das Knie funktioniert ja hauptsächlich bergab nicht) und – es geht sich auf. Um kurz vor fünf bin ich in meiner Unterkunft, kann mein Knie versorgen und die Wäsche für diese Woche machen. Sehr, sehr müde falle ich ins Bett. Ich bin diese Woche an vier Tagen hintereinander mehr als 10 km gelaufen und irgendwie waren es auch immer sehr anstrengende Touren. Aber ich wollte es so, für die Kondition.

15. Juni – Heute ist Ausruh-Tag, lange schlafen, ausgiebig Yoga machen, dann gemütlich Kaffee trinken gehen. Anschließend Geld ziehen, einkaufen und wieder in die Unterkunft. Mails und Nachrichten schreiben, die Touren für die nächste Woche planen und gut essen. Morgen ist noch Zeit für Site Seeing. Auf den Wechsel nach Bude am Montag freue ich mich, Barnstaple war für mich irgendwie nicht so schön, eher stressig.

16. Juni – Letzter Tag in Barnstaple: Ich fahre mit dem Bus nach Bideford. Es ist Sonntag und Busfahren ist heute umsonst für alle. Bideford ist ein schönes, kleines, älteres Städtchen an der Torridge. Hier ist heute Straßenfest. Der Rotary Club macht jedes Jahr ein Charity-Fest. Dieses Jahr ist 50. Jubiläum, es gibt viele Stände von örtlichen Gruppen, Essen, Flohmarkt und Klamotten, Charity. Die Stimmung ist gut und das Motto ist „Kelten“. Sie machen keltische Kleidershows und Tanz. Auf der Torridge werden Cardboard-Boat-Rennen mit keltischen Motiven auf den Booten gemacht.

Das Städtchen ist ein hübsches kleines Städtchen und es ist ein angenehmer Tag. Auf einem Dach oberhalb der belebten Straße am Quai hat eine Möve ein Nest gebaut und zieht hier ihre Kleinen groß.

Heute muss ich nur noch packen und morgen geht es dann weiter nach Bude. Bude liegt schon in Cornwall. Dann habe ich Somerset und Nord Devon durchquert, soweit es den South West Coast Path betrifft.

17. Juni – Heute der Wechsel von Barnstaple nach Bude in Cornwall. Die Fahrt mit dem Bus und das Einchecken ins Sea Jade Guesthouse waren easy und unkompliziert. Die Stadt Bude ist sehr touristisch und das gefällt mir nicht so, weil hier sind so viele Menschen auf einen Schlag, viele Autos, viele Parkplätze, sehr viele Geschäfte mit Zeugs, das brauche ich alles nicht. Das Wetter ist allerdings super und ich bin schon wieder auf den Pfad. Heute laufe ich südlich von Bude ein kleines Stück von 6 km. Ich habe mir von der 14. Etappe (Bude/ Crackington Haven) schon mal das erste Stück abgeschnitten. Heute geht’s bis Widemouth Bay, dann fahre ich mit dem 95er Bus wieder zurück. Die Küste hier ist völlig anders als in Devon. Es sind kaum, nein gar keine Bäume da, nur Schafweiden und Felsküste. Das Meer hat ein ganz eigenes Blau, so ein Mittelding zwischen Metallisch-Blau und Türkis. Und es ist einfach wunderschön. Die Schafe sind hier nicht von der Klippen abgezäunt, sie klettern auf den Klippen herum und grasen oder sie legen sich auf einen zwei Zentimeter breiten Vorsprung mit ihren Lämmchen, um dort zu schlafen, das ist sehr süß.

18. Juni – 12. Etappe, Clovelly bis Hartland Quay, 1. Teil. Mit dem Bus von Bude zurück bis nach Clovelly, dann geht’s auf den Pfad. Es ist schön, wieder hier zu sein, auf dem Küstenpfad in Devon, mit den verwachsenen alten Bäumen, der frischen, sehr frischen Brise aus dem Norden, der vielfältigen und üppigen Vegetation. Der Wechsel nach Cornwall mit seiner stechenden Sonne und den Wiesen ohne Schatten ist schon anstrengend und hat mich gestern sehr gefordert, aber ich werde mich auch daran gewöhnen und es sicherlich auch genießen lernen. Aber im Moment finde ich es hier in Devon viel, viel schöner. Also für einen Urlaub für Naturliebhaber, die ihre Ruhe suchen, ist Devon super geeignet.

Die Strecke hier ist wirklich wunderwunderschön: alter Wald, fantastische Küstenausblicke und wenn man dann ganz oben auf dem Cliff Edge ist, dann hat man auch einen unbeschreiblichen Blick über das Land bis hinüber zur Küste nach Osten hin. Das Wetter spielt toll mit, blauer Himmel und Sonne, aber die versteckt sich häufiger mal hinter Wolken und sticht nicht so. Einen schöneren Tag kann ich mir nicht denken.

Der Pfad über die Wiesen ist heute von Margeriten gesäumt, das ist so schön.

Es gibt einen tollen Ausblick auf die Insel Lundy, die am Eingang zum Atlantik vor dem Bristol Kanal liegt. Das Wetter ist so klar, man kann die Felsen und das Grün auf der Insel sehen. Heute ist es sehr stürmisch, das stahlblaue Meer ist voller Schaumkronen und von hier aus kann ich jetzt um die Klippen herum ganz weit nach Osten gucken, bis hin nach Woolacombe, wo ich vor zwei Wochen war. Und ich bin die ganze Küste entlang bis hierher gelaufen.

Jetzt habe ich zur rechten den Atlantik nach Norden und vor mir sehe ich schon den Atlantik nach Westen. Ich bin also gar nicht mehr weit weg von Hartland Point, aber heute gehe ich nicht so weit. Noch zweieinhalb Kilometer, dann bin ich in Titchberry, dort biege ich ab ins Inland, laufe bis Hartland und hoffe den Bus da zu kriegen, die 219, die mich wieder zurück nach Cornwall bringt. Das Wandern geht gut heute: Ich bin jetzt auf kilometer 9,45, und ich laufe noch ganz gut. Manchmal fängt das Knie an ein bisschen zu muckeln, dann muss ich wieder bewusster gehen und wenn ich dann laufe, dann habe ich das Gefühl, das Knie heilt dabei. Es ist sehr angenehm.

Ich habe heute Morgen auch gleich zu Beginn immer viel Pause gemacht und bin langsam gegangen, weil ich mir gesagt habe, dass ich den Vier-Uhr-Bus sowieso nicht bekomme. Irgendwie habe ich mir mit diesen Bus-Uhrzeiten auch wieder jede Menge Stress in meine Reise jetzt geholt. Dieses Gefühl, du musst das fertig machen, Du schaffst das nicht, du bist zu spät. Diese Dinge begleiten mich seit 4 Jahrzehnten, mindestens, eigentlich seit der Schulzeit. Es ist gar nicht so leicht das abzuschütteln. Und genau deshalb wollte ich diese Reise mit Rucksack und Zelt und Unabhängigkeit machen. Und immer dieses „du musst das noch schaffen“, „es ist schon so spät“ aus dem Kopf und aus dem Körper zu kriegen ist schwierig. Mit dem Bus fahren hab ich mich wieder mal selbst ausgetrickst und es mir wieder in mein Leben hinein geholt. Aber vielleicht werde ich noch stark genug, mir den 10 Kilo Rucksack auf den Rücken zu schnallen und wirklich unabhängig von Bussen und von Hotels diesen Sommer in dieser schönen Landschaft zu verleben.

Es ist witzig hier an der Lehmsteilküste, man geht einen Pfad entlang, schön geschützt von Büschen zu beiden Seiten und weiß, einen Meter weiter geht’s 50 Meter tief hinunter. An einigen Stellen hat die Erosion den Pfad fortgerissen und ein provisorischer Pfad führt landeinwärts weiter.

Ich bin jetzt einen Kilometer vor Hartland und es ist viertel vor vier und ich weiß, ich werde den Vier-Uhr-Bus um ein paar Minuten verpassen und das weckt die interessantesten Gefühle in mir. Also interessant im ironischen Sinne, in Wirklichkeit das Gefühl von Versagen, ein Frustrationsgefühl, Doch ich bin inzwischen stark und selbstbewusst genug, um
glücklich sein zu wollen, so dass ich jetzt eben doch stehen bleibe und mir ein kleines Glas Honig von einem Straßenstand mitnehme. Denn so wie ich jetzt gegangen bin, indem ich den Zeitdruck, den ich mir mache, nicht beachte, beschert meinen Beinen Gesundheit und Wohlbefinden. Nur die letzten drei Kilometer jetzt auf Asphalt, da tun mir die Fußsohlen weh. Das kann ich vielleicht auch noch üben, dass das besser wird.

Jetzt zum Bus hetzen, das würde zwar gehen, aber es hätte mich wieder an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, wo ich mich so oft aufhalte. Wahrscheinlich ist das der einzige innere Ort, wo ich mich zu Hause fühle, das Gefühl, überfordert zu sein. Dagegen hier zu stehen und zu wissen: Der Bus fährt. Ein Gefühl des Versagens wird wach. Ich weiß nicht warum, wozu. Gleich zweieinhalb Stunden auf den nächsten Bus zu warten, aber halt nicht kaputt zu sein, sondern entspannt und offen,wer weiß, was mir dann noch interessantes passiert. Das Wetter ist schön, ich friere nicht, ich bin nicht nass. Es könnte so einfach sein.

Es ist so schwer, diesen selbst produzierten Stress sein zu lassen. Aber es ist auch ein toller Schritt in ein neues Leben, in meinen dritten und letzten Lebensabschnitt, den ich selbst bestimmen möchte. Dafür habe ich mich 40 Jahre im Büro krumm gemacht. Und es hat ja auch geklappt: Die finanzielle Unabhängigkeit habe ich ja erreicht. Und jetzt will ich es auch im Inneren erreichen. Es ist verrückt, im Äußeren erreicht man es und dann fängt man noch mal von vorne an dran zu arbeiten, nämlich im Inneren. Das allerletzte Stück der heutigen Wanderung führt mich jetzt doch noch mal durch Feld, Wald und Wiesen und ist auch wunderschön. Und hier ist eine Bank, da setze ich mich jetzt noch einmal gemütlich nieder. Ich weiß, jetzt, genau jetzt fährt der Bus und ich kann dieses Gefühl von „du musst den doch kriegen“ nicht sein lassen. Das kommt so unwillkürlich aus dem Körper heraus wie eine angeborene natürliche Funktion. Jetzt tut auch das Knie weh, wohl weil ich innerlich kämpf, weil ich mich zurückhalte, weil ich dieser inneren Hektik im äußeren nicht folgen will. Dieses Zurückhalten wirkt sich auf die Bewegungsabläufe des Knies aus und deswegen sitze ich jetzt absichtlich noch zwei Minuten länger hier, um dieses Gefühl, „du schaffst es nicht“, „du schaffst es nicht“, irgendwie loszulassen und zu akzeptieren, es als nicht zu mir zugehörig wahrzunehmen. Dieses Gefühl des Versagens, die Angst, Zuwendung und Aufmerksamkeit zu verlieren, weil ich es nicht geschafft habe, weil ich es wie immer nicht schaffe, das sind die Gefühle, die dahinter stecken, die mich immer zwingen, über meine gesunden Grenzen hinaus und über mein Limit zu gehen, bis zum totalen Kaputt sein. Also das ist nicht gesund. Das ist wirklich nicht gesund.

Ganz gelassen erreiche ich die Bushaltestelle in Hartland und sehe dort zwei frustrierte Wanderinnen auf der Bank sitzen. Sie haben auch ihren Bus verpasst. Da ich nun viel Zeit habe, sehe ich mich im Dorf um und finde einen offenen Pub. Der freundliche Wirt weiß sofort Bescheid (bei drei Bussen am Tag) und bietet mir an, dass ich mir vom Imbiss was holen und gemütlich bei ihm essen kann. Heute läuft außerdem Fußball und so geht die Wartezeit angenehm vorbei. Der Busfahrer ist derselbe wie heute Morgen und hält mit mir ein kleines Schwätzchen. Alles in allem: ein wunderbarer Tag.

19. Juni – Heute gehe ich den zweiten Teil der 14. Etappe, und zwar von Crackington Haven bis Widemouth Bay in Cornwall direkt an der Küste entlang. Crackington Haven liegt in einem schmalen, sehr engen Tal, das am Atlantik mündet, Hier beginne ich gleich mit einem ziemlich steilen Aufstieg. Von hier oben kann ich weit nach Süden schauen bis Tintagel. Und nach Norden – das weiß ich noch gar nicht, weil ich die Strecke noch gar nicht gegangen bin. Das Wetter ist wieder gut zum wandern. Es ist heute warm, trocken und bewölkt, abwechselnd mit Sonne. Perfekt.

Der Pfad verläuft über die Strecke steil durch mehrere enge, tiefe Täler und ich gehe ganz langsam und bewusst, um mein Knie zu schonen. Das ist nicht verkehrt, denn in jedem Moment, in dem ich stehen bleibe oder sehr langsam gehe, bekomme ich auch viel von meiner direkten Umgebung mit und es ist hier wirklich sehr schön. Heute ist anscheinend mehr Fotosafari- als Wandertag und so brauche ich für drei Kilometer zwei Stunden. Dann komme ich auf einer Höhe auf einen schmalen Küstenpfad, auf beiden Seiten stehen ganz dicht ein bis zwei Meter hohe Büsche. Es ist eng hier und auf dem Weg liegen viele frische Kuhfladen. Das ist irgendwie ein unangenehmes Gefühl, denn wenn mir jetzt eine Kuh auf diesem Pfad, wo man nicht ausweichen kann, entgegenkommt, dann weiß ich auch nicht, was ich tun soll. Glücklicherweise komme ich ohne einer Kuh zu begegnen an dem nächsten Gatter an.

Langsam werde ich richtig müde und ich bin froh, wenn ich an der Bushaltestelle ankomme. Heute war die Wanderung nicht so lang wie gestern, aber es war genauso viel Steigung zu bewältigen. Und jetzt ist gerade auch noch eine Joggerin an mir vorbei gekommen. Unfasslich! Sie muss den Berg hinauf gejoggt sein. Morgen mache ich definitiv einen Pause-Tag.

21. Juni – Heute fahre ich mit dem Bus nach Tintagel. Das ist ein sehr touristischer Ort, weil hier die Burgruinen von der Burg, auf der König Artus geboren sein soll, stehen. Das war der König mit den Rittern von der Tafelrunde. Es ist ein unglaublich touristischer Ort, trotzdem sehr nett gemacht. Der Plan ist, dass ich mit dem Bus wieder zurückfahre, weil ich mich heute ausruhen will.

Aber dann möchte ich doch lieber wieder wandern gehen. Also schneide ich mit Hilfe der App Mapy die 16. Etappe, Tintagel/Boscastle, in zwei kleinere Stücke und laufe los. Und als ich an dem Punkt ankomme, wo ich zum Bus gehen kann, da sehe ich, dass ich den Bus gerade wieder verpasse. Der Nächste kommt in zwei Stunden und also gehe ich nun weiter bis Boscastle, das ist jetzt auch nicht mehr so weit, und hoffe, den Bus in zwei Stunden dort zu kriegen.

Es sind viele Leute auf dem Pfad hier unterwegs. Die Engländer sind zu bewundern, viele ältere Leute, die auch gar nicht unbedingt so gut zu Fuß sind, die hier auf dem Küstenpfad herum kraxeln. Es ist wirklich bewundernswert. Und das Beste ist, sie sind beim Wandern gut gelaunt, egal wie mühsam das ist. Das ist schon irgendwie klasse.

Tintagel ist vor allen Dingen in der Hand der deutschen Touristen und man merkt es ein bisschen atmosphärisch, Die Leute sind eher zugeknöpft und mufflig. Und je weiter ich wegkomme von Tintagel, ich bin jetzt 6 oder 7 km davon weg, desto mehr normalisiert sich die Atmosphäre und der Umgang miteinander und die zurückhaltende Herzlichkeit bricht wieder durch. Und ich fühle mich hier wieder richtig wohl und zu Hause in diesem schönen England.

Hier gibt es viel steile Felsküste und die Möwen wohnen darin. Man sieht sie fliegen, sie haben ja jetzt Kleine, und sie machen ein Geschrei, das ist sehr schön und beeindruckend, es ist so lebendig und man hört, wie sie sich miteinander unterhalten.

Dann bin ich in Boscastle angekommen, habe sogar noch eine Stunde Zeit, bis der Bus fährt und hier ist es ganz still und ruhig. Die Touristen sind irgendwie auch still und ruhig. Es ist sehr schön hier.

21. Juni – Heute ist wirklich Ausruh-Tag: länger schlafen, gemütlich spazieren gehen, gut essen, schreiben und lesen. Und nochmal schlafen. Mal schauen, was der Tag morgen bringt.

22. Juni – Heute bin ich unterwegs zu Hartland Point,
und will den zweiten Teil der 12. Etappe, Clovelly/Hartland Quay gehen. Das Wetter scheint schön zu werden und ich freue mich schon auf die vielen Fotos, die ich machen kann. Noch stehe ich hier in North Devon: Hartland, Hartland Point, Hartland Quay, das gehört alles zu North Devon, einige Kilometer weiter südlich bei Marsland Mouth werde ich die Grenze zu Cornwall passieren. Das wird aber erst in den nächsten Tagen auf der 13. Etappe (Hartland Quay/Bude) sein. Aber hier sieht es schon aus wie in Cornwall: Der Wald ist weg. Früher war hier bestimmt auch mal Wald. Stattdessen sind hier nun Wiesen und Felder und der Wind fegt über die raue Küste.

Hartland Point habe ich schon hinter mir gelassen und jetzt ist auch wieder hier kaum ein Mensch auf dem Pfad. Hartland Point hat natürlich einen Parkplatz, da kommen sie mit ihren Kindern und Hunden und laufen dort ein bisschen herum. Man hat dort eine 270 Grad rundum Sicht auf den Atlantik. Hier, eine halbe Meile weiter, ist es schon wieder einsamer. Und das habe ich doch sehr viel lieber. Die Menschen hier sind nett, aber ich bin halt verstört, PTSD.

Normal werden und die Angst vor Menschen runterdrehen, weil sie aus der Kindheit stammt und mit dem jetzt gar nichts zu tun hat, das ist mein Ziel für diesen Lebensabschnitt, der auch mein letzter sein wird. Aber es gelingt mir einfach nicht so leicht, wie ich das will.

Hartland Quay ist sehr touristisch, ich bin gar nicht bis runter gegangen, sondern direkt ins Inland abgebogen. Zurück nach Hartland, dort nehme ich den Bus um 16:27 Uhr. Ich habe noch viel Zeit für die Strecke, es sind ca. 3 Kilometer. Ein paar mal kann ich noch Pause machen und mich auf die Wiese setzen. Das ist ein so schönes Land hier.

Und dann bin ich in Hartland angekommen. Die Sonne scheint, ich sitze auf der Bank, warte auf dem Bus und sortiere die Fotos. Noch eine halbe Stunde. Hier habe ich eine Pfad-Bekanntschaft wieder getroffen, auch eine Deutsche. Wir haben jede Menge Expertise ausgetauscht und jetzt freue ich mich auf das Sea-Jade-Gästehaus.

23. Juni – Ich bin so müde, dass ich mich kaum bewegen kann. Mein Konditionstraining scheint das Gegenteil zu bewirken und es macht mich nicht fitter, sondern schlapper. Vielleicht bin ich ja doch zu alt für Fernwanderungen und so. Vielleicht ist das jetzt aber auch ein Punkt, der durchlebt werden muss nach so vielen Jahren Sitzen im Büro. Jetzt mache ich mir erst mal den Plan für nächste Woche.

24. Juni – Das Wetter wird heute gut und ich habe eine lange, anstrengende Wanderung vor mir.Die Etappe Hartland Quay/Bude teile ich bei Morwenstow, das ich von Bude aus mit dem 217er Bus erreichen kann. Das geteilte Stück ist immer noch 12,5 km lang mit viel Steigung. Und von Hartland Quay aus sind es noch circa 3,5 km bis zum Bus. Ich lasse mir viel Zeit, vor allem bei den Steigungen. Es ist sehr einsam hier, erst am Mittag kommen mir andere Wanderer entgegen. Nach dem ersten Drittel überquere ich die Grenze von Cornwall zu Devon.

Heute werde ich zum letzten Mal in North Devon sein und in Hartland auf den Bus warten. In Hartland angekommen hole ich mir im Imbiss die lokale Spezialität, Lamb Burger mit Mint Soße. Sehr lecker. Hier an der Bushaltestelle ist immer etwas los: viele Kinder, die hier spielen, junge Leute, die ihren Feierabend genießen. Wie ein ausgestorbenes Dorf auf dem Land wirkt es nicht. Auch wenn es hier sehr ländlich ist und der Bus nur ein paarmal am Tag fährt. Ab morgen laufe ich nur noch in Cornwall und nächste Woche wechsele ich schon nach Port Isaac. Mit heute habe ich 200 km auf dem South West Coast Path geschafft.

26. Juni – Gestern habe ich mich ausgeruht und ein paar Stunden am Strand gesessen. Dann habe ich die Unterkunft in Newquay gebucht für ab dem 8. Juli. Weiter kann ich irgendwie nicht planen, weil an der Süd-West-Spitze die Buslinien nicht so überschaubar sind. Aber das wird ja eh erst in zwei Wochen soweit sein. Trotzdem hat es mich sehr frustriert und ich hatte das Gefühl, ich versage, und es hat mich ziemlich deprimiert. Das finde ich sehr seltsam, denn es gibt überhaupt keinen Grund für so eine intensive negative Stimmung. Diese Gefühle gehen erst heute Morgen weg, als ich wieder auf Wanderung gehe.

Das Wetter sieht nach einem strahlenden Tag aus und ich nehme den Bus nach Morwenstow, um den 2. Teil der 13. Etappe (Hartland Quay/Bude) zu machen. Es sind nur 13 km und mäßig viel Steigung. Anfangs ist sehr wenig los auf der Route, das finde ich wie immer sehr schön. Von der Bushaltestelle aus laufe ich an einem Bach entlang durch ein kleines, bewaldetes Tal bis zur Küste. Das ist sehr schön, es erinnert mich an Devon, alte Bäume und vielfältiger Kräuter Bewuchs. Und es ist angenehm kühl darin. Der Rest der Strecke führt über Klippen und Weiden, 6 Stunden lang durch die intensive Sonne am Atlantik. Alle zwei Stunden erneuere ich die Sonnenmilch im Gesicht, welches gestern am Strand schon ganz rot geworden war. Langärmeliges T-Shirt und lange Hosen schützen den Rest des Körpers vor der Sonne, allerdings nicht vor den Stechfliegen, die sich bei dem warmen Wetter wohl auf Nahrungssuche begeben.

Es liegt Feuchtigkeit in der Luft und über den Tag wird es mehr, nicht weniger. Über das Meer und an der Küste entlang kann man nicht weit sehen und es fühlt sich an wie in einer Waschküche. Es ist ziemlich anstrengend und nach der dritten Steigung muss ich mich erstmal auf die Wiese legen, sonst wird mir schlecht. Aber dann geht es weiter, ich mache oft Pause und komme schließlich am frühen Abend in Bude an. Jetzt noch Wasser und Obst kaufen und in der Mermaid ein Mini Cod (Fish ohne Chips, klein) holen und auf dem Heimweg essen. Duschen, Italienisch lernen, Fotos sortieren und Blog schreiben und dann: Feierabend. Morgen brauche ich wieder einen Pause Tag, leider. Ich bin lieber auf dem Küsten Pfad unterwegs. Hoffentlich werde ich nicht wieder depressiv.

28. Juni – Ich bin nun in Crackington Haven und gehe den Pfad bis Boscastle, die 15. Etappe. Das Wetter ist leider wieder ganz kalt, es war gerade so schön warm geworden. Das Positive ist, dass wenig Leute auf der Strecke sind. Zumindest am Anfang tut mir das immer sehr gut. Es ist sehr windig, dann regnet es vielleicht auch nicht so sehr, das wäre ganz gut. Der Atlantik hat kräftige Wellen und das ist natürlich sehr, sehr schön, optisch und akustisch.

Gestern, bei meinem Ausruhtag in Bude, habe ich das kleine Städtchen wirklich sehr genossen. Es ist ein schöner Ort zum verweilen. Ich habe im Castle Park gesessen und so etwa 10, 15 Rentner standen im Pavillon und haben Musik gemacht, alte bekannte englische Lieder. Das war sehr schön. Es war auch noch nicht so kalt gestern, es ist erst am Nachmittag abgekühlt.

Gestern war auch das erste Mal seit einer Woche, dass ich mich nicht nur ausgeruht, sondern auch richtig erholt habe. Also habe ich mein übertriebenes Konditionstraining jetzt wohl verarbeitet, aber ich denke, ich kann jetzt nicht wieder so loslegen wie vorher, jeden Tag zehn Kilometer bergauf bergab, das geht leider nicht.

Hier ist der Pfad so wie ich ihn liebe, leicht begehbar, ein 40 Zentimeter breiter Pfad nur, aber ganz flach und ohne große Steine oder Löcher oder Unebenheiten, sehr gut zu begehen und nur ab und zu eine leichte Steigung, dann leichtes Gefälle, ein leichtes Auf und Ab. Es macht sehr viel Spaß so zu wandern. Die Jelängerjelieber blüht auf beiden Seiten des Pfads und sendet ganz dezent ihren Duft in die Welt. Das ist auch schön, sehr angenehm.

Jetzt bin ich oben auf High Cliff angekommen. Es ist die höchste Erhebung auf dem gesamten Küstenpfad,
aber die Steigung war einigermaßen sanft. Es hat halt nur gedauert. Das Wetter ist immer noch sehr frisch, aber der Wind ist nicht so eisig wie noch vor zwei Wochen. Kühl, aber nicht eisig. Vor mir entlang der Küste sehe ich schon Tintagel, also bin ich jetzt auch nicht mehr weit von Boscastle entfernt, das liegt ja noch dazwischen. Wenn ich zurück gucke nach Norden, dann sehe ich immer noch die Insel Lundy.
Ganz weit hinten im Dunst sieht man noch Hartland Point und Hartland Quay. Dann die Echelon-Anlage bei Morwenstow. Dann die Buchten von Bude und Widemouth Bay, wo es so schöne Sandstrände gibt.

Heute ist es sehr dicht bewölkt, zwischendurch Nieselregen und es ist wenig los auf dem Pfad. Von High Cliff aus habe ich auch einen sehr guten Blick ins Land. Es ist zwar leider sehr diesig, aber ich sehe trotzdem ganz weit, weil ich so weit oben bin. Hier auf High Cliff kann man auch den hoch an den Klippen entlang fliegenden Möwen von oben auf die Flügel gucken. Das sieht auch besonders schön aus.

Jetzt habe ich für heute die Steigungen hinter mir, ich laufe jetzt noch gemütlich, immer schön ein bisschen bergab, bis hinunter nach Boscastle, Die Sonne kommt heraus, es wird wärmer, es ist immer noch ein bisschen windig und ich laufe über Weiden und es ist sehr, sehr schön. Ich habe hier auf den letzten drei Kilometern noch mal einen unglaublich schönen Ort gefunden und hier steht auch eine sehr gemütliche Bank und es ist, ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben, so ein Gefühl von gleichzeitig glücklich,
ganz frei, ganz gleichmütig, ja, glücklich und gleichmütig und frei, alles zu gleich.

Vor mir ist eine kleine, sehr hohe Felseninsel vor einer Abbruch Kante, direkt am Strand. Und das ist natürlich Möwenterritorium. Die Möwen wohnen oben auf der Insel, es ist Gras darauf und sie fliegen herum, sie haben bestimmt ihre Kinder da oder ihre Kinder sind schon groß und fliegen jetzt mit. Man hört sie schreien und rundherum unten am Meer ist die weiße Gischt, die die Insel und den Strand und die Abbruchkante umspült. Die Bewegung von dem Meer macht das Ganze ganz lebendig: Unten das Meer, welches sich rhythmisch bewegt und oben die Möwen, die immer im Kreis um die Insel fliegen.
Es ist noch immer ein bisschen Sonne da, es ist warm und der Wind hat sich ein bisschen gelegt. Es ist traumhaft schön.

Und dann gibt es doch noch mal Abenteuer: Ich muss wieder ein kurzes Stück über eine Weide und hier stehen Rindviehcherinnen mit ihren Jungen. Sie stehen genau auf dem Stück, wo der Pfad entlang läuft. Und es sind viele. Die Weide geht steil nach oben und ich muss hinauf, um die Rinder weiträumig zu umrunden. Oben, etwas abgesetzt von dem Rest der Herde stehen zwei Kleine und trinken aus einer Wassertränke. Ich klettere noch höher, aber nicht hoch genug: Die zwei Kälber kriegen Panik und rennen zu der Herde hinunter, die sich nun auch noch bis vor den Ausgang des Pfads von der Weide bewegt. Und dann ist die Weide auch noch von allen Seiten mit hohen Büschen und/oder einer Mauer begrenzt. Die Kühe sind nun misstrauisch geworden und stehen mit gesenktem Kopf in meine Richtung und starren mich an. Mir wird ziemlich mulmig. Vor mir sehe ich ein Mauerstück ohne Büsche, das ich erklettern kann. So schnell wie es geht bin ich oben. Und wie vermutet, auf der anderen Seite läuft der Pfad. Allerdings locker anderthalb Meter weiter unten und ich kann wegen des Gestrüpps den Untergrund, auf den ich springen muss oder fallen werde, nicht sehen. Auf der einen Seite der Sprung ins Ungewisse und auf der anderen die misstrauische Mütter-Herde. Langsam lasse ich mich an der Mauer hinab gleiten und hoffe, das ich nicht irgendwie unglücklich auf einem Stein lande und mir den Fuß verstauche. Ich habe Glück und sehr erleichtert wandere ich weiter.

Und dann kommt das nächste Abenteuer: Über eine Strecke von knapp einem Kilometer (so kommt es mir jedenfalls vor) laufe ich auf dem nun sehr schmalen Weg am Steilhang entlang. Ein falscher Schritt und ich rolle den Steilhang herunter und falle anschließend ins Wasser, ob da Felsen sind, kann ich von hier aus gar nicht sehen. Das ist unheimlich. Und ich bin total erleichtert, als der Abhang wieder sanfter wird und ich mich wenigstens an dem Gestrüpp festhalten könnte, wenn ich fiele.

Dann ist das alles auch schon wieder vorbei. Ich stehe mit anderen Urlaubern an der Bushaltestelle in der Sonne und wir warten auf den Bus. Normalität. Aber so ungesichert habe ich den South West Coast Path noch nicht erlebt. Wäre ich nicht schon geübt im Küstenwandern, ich weiß nicht, wie ich das geschafft hätte.

29. Juni – Heute ist wieder Ruhetag, also Erholung – aber nein, ich hab nun doch wieder Stress. Am Montag, also Übermorgen, enden meine zwei Wochen in Bude und ich ziehe weiter südlich nach Port Isaac. Normalerweise würde ich den Bus nehmen, einmal umsteigen und ich wäre da. Aber die Cornwall Bus App zeigt mir ab Montag keine Verbindung mehr an. Auch bei Google Maps geht der letzte Bus nach Port Isaac am Sonntag. Ich habe keine Ahnung, was da los ist, ob vielleicht die Straße nach Port Isaac gesperrt ist. In Port Isaac will ich sieben Tage bleiben und vier anstrengende Wanderung machen. Wenn nun keine Busse mehr fahren, keine Ahnung, wie ich das realisieren kann. Also beschließe ich, eine der vier Wanderung morgen schon zu machen, auch wenn es Morgen früh mit einer längeren Busfahrt verbunden ist. Mein jetziger Vermieter will herausfinden, was da los ist und wenn er das schafft, dann kann ich vielleicht auch den Rest planen. Auf jeden Fall fährt am Montag ein Bus bis an die Zufahrtsstraße von Port Isaac heran, so dass ich von dort 3,5 km mit meinem 10 Kilo Rucksack bis nach Port Isaac wandern kann. Mit viel Pause dazwischen sollte das gehen. Muss es einfach. Ist sowieso mein Plan, mal mit dem Rucksack los zu laufen. Ich schiebe das ja immer wieder auf, weil ich es mir nicht zutraue. Und wenn ich nun muss, das ist dann vielleicht ganz gut so.

Also morgen erstmal wieder eine Wanderung und dann weiter sehen. Interessant ist auf jeden Fall, sich auf das Gefühl einzulassen, dass es überhaupt nicht schlimm ist, egal was passiert. Wenn ich meine Pläne nicht ausführen kann – was soll‘s. Hier ist es schön, ich bin frei, alles ist gut. Warum dann nicht auch so fühlen?

30. Juni – Ja, jetzt stehe ich hier auf dem South West Coast Path. Ich habe den Bus bis Westdowns genommen. Das liegt zwischen Tintagel und Port Isaac, 17. Etappe. Diese muss ich auch in zwei Hälften teilen, wegen des Schwierigkeitsgrads. Ich bin also aus dem Bus und wollte dem Pfad zur Küste hinunter folgen, ungefähr 3,5 Kilometer. Und dann, ja, den Pfad gab es gar nicht mehr. Zuerst bin ich über Weiden gegangen, es gab noch alte Beschilderung, das war okay. Aber dann musste ich dreimal durch Dornen und Hecken und über Stacheldrahtzäune und habe mir dabei meine super teuren, schicken Outdoor-Klamotten zerrissen. Genau einen Tag bevor ich in das schicke, angesagte Port Isaac wechseln will.

Jetzt bin ich etwas aufgelöst und im Schock, bin aber dankbar, dass ich den Küstenpfad endlich erreicht habe, und jetzt habe ich immer noch fünf Stunden Zeit, um die acht oder neun Kilometer bis Tintagel zu schaffen. Dann geht’s zurück nach Bude, ein letztes Mal in Bude schlafen und morgen ziehe ich dann weiter nach Port Isaac, was ich übrigens von hier aus schon sehen kann. Das Wetter ist wieder super zum Wandern, frisch, aber nicht kalt, bewölkt, aber kein Regen, ab und zu Sonne, perfekt. Hier, wo ich jetzt stehe, ist kein Mensch außer mir auf dem Pfad. Der Pfad heute ist sehr wild, sehr steile Abhänge, steile Klippen ins Meer, man geht so 30 Zentimeter neben dem Abgrund entlang.

Ich komme gut voran und meine kaputten, teuren Outdoor-Klamotten machen mir jetzt Spaß – weil ich mich jetzt nicht mehr so anstrengen muss, sie nicht kaputt zu machen. Es fühlt sich an wie eine Feuertaufe, wie eine Initiation. Ich fühle mich jetzt irgendwie freier. Komisch, aber es ist so. Es macht mir richtig Spaß und ich laufe ganz beschwingt. Und dann bin ich schon kurz vor Tintagel. Den Vier-Uhr-Bus verpasse ich, also muss ich bis sechs Uhr warten und so habe ich noch ganz viel Zeit. Die Sonne scheint und ich kann mich von der anstrengenden Wanderung noch gut erholen und dann gemütlich in Tintagel einlaufen, dort noch was essen und dann nach Hause fahren.

Morgen geht das Abenteuer weiter. Dann verlasse ich Bude, verlasse das schöne Sea Jade Hotel, die netten Leute dort, alles wird wieder ganz neu und interessant und aufregend und ich habe ein bisschen Angst. Aber jetzt habe ich erstmal ganz viel Zeit zum Ausruhen, auf der warmen Holzbank sitzen und relaxen. Vor drei Wochen hatte ich ja diese Probleme mit dem Knie und dann kam ich zu dem Schluss, dass das mit meiner fehlgeschlagenen geschlechtlichen Integration/Sozialisation zu tun hatte. Und wie ich mich wohl als Frau verändern werde, wenn ich jetzt diesen Weg so gehe und dabei das Gehen selbst verändere.

Also das Knie tut jetzt nicht mehr weh, es funktioniert wirklich gut jetzt. Ich merke schon noch, dass es nicht so ist wie das andere Knie, aber es funktioniert gut. Die Veränderung als Frau ist besonders interessant. Irgendwie hatte ich befürchtet, dass ich aggressiver werden würde, halt stärker und damit aggressiver. Aber es ist nicht so gekommen. Ich bin stärker und fröhlicher, ich habe schon mehr Autorität, aber vor allen Dingen bin ich viel fröhlicher und selbstbewusster. Das ist super und macht großen Spaß.

1. Juli – Der Abschied von Ann und Saf vom Sea Jade Hotel war sehr herzlich und persönlich. Dann eine abenteuerliche Busreise nach Port Isaac, und zwar wegen mehrerer Straßen Sperrungen, die die Busfahrpläne durcheinander bringen. Noch nicht einmal die Busfahrer selbst blicken so richtig durch. Ich muss umsteigen, eine Stunde warten und als der Bus dann kommt, weiß der Fahrer gar nicht, ob er überhaupt weiter fahren kann, denn eine Warnlampe leuchtet orange. Also weiter warten, bis die Werkstatt telefonisch das Okay für die Weiterfahrt gibt. Die Wartezeit gibt mir ein gute Gelegenheit, mich mit einem ebenfalls wartenden Ortsansässigen zu unterhalten. Er weiß ganz gut Bescheid über das Bus Chaos und gibt hilfreiche Tipps.

In Port Isaac angekommen bringe ich meinen Rucksack in die Unterkunft (ein winziges, rasant teures Zimmer bei einer Familie). Der Ort ist ein malerisches Fischerstädtchen, das durch die Filmaufnahmen zu Fisherman’s Friends Berühmtheit erlangt hat. Daher auch die Zimmer Preise. Ein normales Hotel Zimmer wäre unerschwinglich. Auch mir hat der Film Fisherman’s Friends sehr gut gefallen und mit der gleichen Begeisterung wie die anderen Touristen laufe ich durch den Ort. Ein englisches Pärchen aus der Umgebung setzt sich zu mir an den einzigen Außen-Tisch des Hafen Restaurants, den ich ergattern konnte, und sie erzählen Insider Sachen über die Hintergründe des Films. Ein wirklich schöner Auftakt für die kommende Woche hier in diesem Ort.

2. Juli – Ich bin jetzt wieder auf dem Küstenpfad angekommen. Heute laufe ich das letzte Stückchen von Tintagel aus nach Port Isaac, wobei ich die Tintagel-Isaac-Route ja geteilt habe, und jetzt laufe ich die zweite Hälfte. Ich bin wieder mit dem Bus bis Westdowns gefahren und das hat ganz gut geklappt, trotz der Straßen Sperrungen und des provisorischen Fahrplans. Und diesmal habe ich einen Weg zur Küste gefunden, der nicht zugewachsen ist. Jetzt sind es noch acht Kilometer bis Port Isaac und es ist viel Steigung dabei.

Das Wetter ist kühl und, ja, ich freue mich auf den Tag. Heute komme ich zu Fuß bis nach Port Isaac, also muss ich keinen Bus erreichen und kann mir auf dem Küstenpfad so viel Zeit lassen, wie ich will. Darum habe ich die Wanderung gleich mit einer Atemübungspause an einem etwas zurückgezogenen Ort begonnen. Das hat schon mal sehr, sehr gut getan. Durch diese Atlantikluft bekomme ich ein freieres Gefühl im Kopf. Dieses Verklebt sein und dieses Zu sein, das löse ich durch die Wanderung langsam auf, durch die Übungen und durch das so oft wie möglich an der Küste sein.

Und ja, jetzt ist es schon Mittag und ich habe immer noch acht Kilometer und viele Höhenmeter vor mir. Aber es ist ja egal, wann ich in Port Isaac ankomme, denn es bleibt lange hell und so kann ich noch viele Atemübungspausen machen und das wird dann doch ein schöner Tag.

Jetzt habe ich die Hälfte des Weges hinter mir. Es ist heute ganz ruhig auf dem Küstenweg, nur wenige Menschen sind unterwegs. Es liegt wahrscheinlich an der starken Bewölkung heute Morgen. Aber jetzt, so gegen 14 Uhr, klart es ganz langsam auf und wenn es so bleibt, dann kriegen wir heute Nachmittag ein bisschen Sonne. Es ist einfach schön so, wie es ist, so still. Nur wenige Meilen von hier sind die absoluten Touristenzentren mit riesigen Car Parks, super teuren Hotels und tollen Restaurants. Und hier Kühe, Schafe, der Pfad, ganz viel Atlantik, ganz viel Wind und es könnte schöner nicht sein.

4. Juli – Heute beginne ich mit der 18. Etappe, die von Port Isaac nach Padstow, die soll auch sehr anstrengend sein. Deshalb teile ich auch diese in zwei Teile, das geht ganz gut. Mit dem Bus fahre ich bis Rock, das liegt gegenüber von Padstow. Die beiden Orte sind durch den River Camel getrennt, der in den Atlantik mündet. Jetzt laufe ich zurück ungefähr zwölf Kilometer an der Küste entlang und dann gehe ich ins Inland und nehme den Bus zurück nach Port Isaac.

Gestern war es kalt und es hat den ganzen Tag genieselt. Heute morgen war es auch sehr kalt, aber jetzt habe ich mich mit einem Kaffee und einem sehr leckeren Käseschinken-Croissant in einer Bäckerei hier in Rock aufgewärmt. Und die nette Bäckerin hat mir lauter gute Tipps gegeben, was ich mir noch auf meiner weiteren Wanderung Richtung Westen anschauen kann. Und sie hat mir aufgeschrieben, welches ihre liebsten Plätze sind. Es war ein echt herzerwärmendes Gespräch. Jetzt ist mir wieder richtig warm und die Sonne ist auch rausgekommen.

Nun stehe ich hier an den Dünen von dem Fluss und guck rüber nach Padstow, das soll auch sehr malerisch sein. Morgen werde ich einen Ausflug dorthin machen. Von hier aus komme ich gut mit der Fähre hin. Jetzt gehe ich erstmal Richtung Osten, also zum Atlantik hin, den kann ich von hier aus auch schon sehen, die Mündung in den Atlantik. Es ist Ebbe und es liegt jetzt ganz viel Strand trocken. Es ist nicht so windig und es sieht nach einem wunderbaren Tag aus und einer wunderbaren Wanderung.

Der Küstenpfad ist heute extrem bevölkert. Ich bin fünf oder sechs Kilometer an drei Badeorten entlang gegangen, die voll sind mit Badegästen, die zudem auch Hunde haben, mit denen sie auf dem Küstenpfad herumlaufen wollen. Und ja, also bis jetzt war das sehr anstrengend. Landschaftlich ist es fantastisch hier, ist klar, deswegen kommen auch alle hierher.
Aber nun habe ich den üblichen Radius der Hundegängern schon hinter mir gelassen. Jetzt kommen mir nur noch ab und zu ein paar Wanderer entgegen und ich entspanne mich ein bisschen. Schade ist, dass ich das Stück an der Küste schon fast fertig habe. Ab einem gewissen Punkt gehe ich ja ins Inland, um den Bus zu erwischen, allerdings ist es noch sehr früh.

Vielleicht finde ich hier ja noch ein, zwei ruhige Plätzchen, an denen ich mich wieder von den vielen Schocks durch die Begegnungen erholen kann. Manche Leute benutzen ihre Hunde wie Kotflügel. Die lassen sie sehr schnell auf entgegenkommenden Mitmenschen zu laufen. Das wirkt wie Pfeilspitzen und ist unangenehm. Also je badeortiger so ein Ort wird, desto gestresster sind auch die Urlauber. Vielleicht weil das alles so teuer ist. Es herrscht viel Neid auf die Freude der anderen, man gönnt dem anderen das Entspannt sein nicht. Und hier, wo es wieder etwas abgeschiedener ist, hier hört man wieder den Wind, das Meer und die Vögel. Die machen das nicht so. Wenn die ihr Plätzchen haben, dann sind die zufrieden und dann ärgern die die anderen nicht. Deswegen ist hier auch viel mehr Harmonie zu spüren.

Interessant ist, dass hier die Felsen wie versteinerte Urzeitwesen aussehen. Ein Felsen sieht wirklich wie ein riesiger Drache aus, der ins Meer verschwinden wollte und dabei versteinert es mit seinen ganz regelmäßigen Zacken auf den Rücken. Und eine große Pfote, die an der Seite rausguckt. Also das ist irre, wie realistisch das ausschaut. Und andere Felsen, die haben trollartige Gesichter, wie die Felsen in Norwegen. Es ist schon fantastisch, die Landschaft. Ich habe ein ruhiges Plätzchen gefunden und jetzt mache ich eine längere Pause. Erst zur Ruhe kommen, dann die Atemübung, dann den Apfel essen. Es wird wohl nicht mehr so weit sein zum Bus, aber es ist noch sehr, sehr früh. Ich habe noch vier Stunden Zeit.

Von meinem schönen Plätzchen bin ich jetzt vertrieben worden, von einem Touristenpaar mittleren Alters und Gewichts, die das irgendwie nicht verstanden haben, nicht zu stören. Darum sitze ich jetzt hinter einer verfallenen Mauer und bin praktisch unsichtbar. Hier ist es windstill und sehr viel wärmer. Das Gras, in dem ich sitze, ist so hoch, dass ich da drin verschwinde. Ein bisschen Aussicht auf die Küste habe ich hier aber dennoch und jetzt bleibe ich hier erstmal sitzen.

Der soziale Stress hier in dieser schönen Landschaft ist wegen dem Tourismus ziemlich hoch. Das ist wirklich schade und ich verstehe es einfach auch nicht. Ich werde es nie verstehen. Das war heute sozial die anstrengendste Etappe, die ich bisher hatte. Es waren so viele Urlauber auf dem Weg unterwegs mit ihren Hundegeschirren. Ich bin völlig fertig, aber nicht vom Laufen. Es ist wirklich schade, dass Autisten und normale Menschen so einen Stress miteinander haben, dass normale Menschen ohne es zu merken so einen Stress erzeugen, dass Autisten überhaupt nicht existieren können, dass ich mit meinem Autismus daneben überhaupt nicht existieren kann.

Ich weiß gar nicht, wie das werden wird wenn ich wieder in Köln bin. Ich hatte ja gehofft wenn ich hier bin, dass ich mich erhole, gesund werde und es dann besser geht, aber es scheint immer schlimmer zu werden. Ja egal, jetzt ist jetzt und morgen ist morgen. Bis zur Bushaltestelle ist es nicht mehr weit, dann muss ich da noch eine Stunde warten und dann bin ich endlich wieder zu Hause bzw. in meiner Unterkunft, endlich wieder allein.

6. Juli – Heute ist Samstag, mein vorletzter Tag in Port Isaac. Ich gehe den ersten Teil der 18. Etappe von Port Isaac nach Padstow. Mit dem Bus bin ich nach Southwinds gefahren, von dort zum Coastal Path gewandert, unterwegs habe ich noch gefrühstückt und stehe jetzt wieder auf dem Küstenpfad. Heute ist es super windig, das ganze Meer ist voller weißer Schaumkronen. Immer wieder werden auch dicke Regenschauer heran getrieben, grad ich sehe einen auf dem Meer. Nach einer Weile wird es schöner, es kommt auch mal ein bisschen die Sonne raus. Also besteht die Hoffnung, dass ich nicht allzu nass werde.

Es ist noch richtig kalt, trotz dass Anfang Juli ist,
aber so fühlt sich das wirklich nicht an. Es könnte auch Mitte März sein oder Mitte April. Aber das Schöne ist, dass jetzt noch wenig Leute auf dem Pfad sind. nur Hundegänger und Joggerinnen, und das gefällt mir natürlich super. Die Luft ist astrein,
und die Sicht ist auch ganz gut. Ein bisschen diesig, aber ich kann die Küste entlang bis Tintagel sehen. Und auf der anderen Seite kann ich über den River Camel hinweg das Ufer sehen, das ich in den nächsten Wochen noch bewandern werde.

Die letzten zwei Tage hatte ich viel Heimweh, irgendwie, ich weiß nicht warum, was passiert ist. Vielleicht ist es dieser soziale Stress in diesen touristischen Orten, dass der in mir die Erinnerung an die Heimat geweckt hat und ich jetzt wieder nach Hause will in meinen gewohnten Stress. Das ist sehr unsinnig, aber es könnte genau das sein. Hier draußen ist es so viel schöner und die ganze Unsicherheit und die Angst, die ich immer wieder habe, die sind das wert. Zu Hause bin ich auch unsicher und habe auch jeden Morgen Angst, wenn ich aufwache. Das ist eben dieses posttraumatische Belastungssyndrom.

Wenn ich im Oktober wieder zu Hause bin, dann mache ich ja weiter mit der Traumatherapie. Ich hoffe, dass ich dann nächstes Jahr, also nach einem weiteren halben Jahr Traumatherapie, noch angstfreier bin als jetzt schon. Jetzt geht es ja schon sehr gut im Vergleich zu vor zwei Jahren.

Ich stehe hier und stemme mich gegen den Wind, schaue auf die Schaumkronen, lasse mich von dem Wind schaukeln, schaue auf den Regen auf dem Meer und auf die sonnenbeschienene Küste Richtung Nordcornwall und ich will überhaupt nie mehr hier weg. Ich will für immer hier so stehen bleiben. Ich könnte jetzt ein Baum werden und das wäre es dann. Ich würde dann hier stehen. Leider ist das Leben eines Menschen gar nicht so.

Aber der Mensch ist in seiner Fantasie immer am Träumen und wenn ich jetzt so in meiner Fantasie träume, dann träume ich schon von dem nächsten Jahr, denn dann will ich durch die Bretagne. Da gibt es auch so einen Küstenpfad. Dort nennen sie ihn nicht den Schmugglerpfad, sondern den Zöllnerpfad. Da sind nämlich die Zöllner drauf rumgelaufen, um die Schmuggler zu fangen. Der führt auch im Südwesten den Atlantik entlang und dann weiter oben bis zum Kanal und dann den Kanal entlang gegenüber von Cornwall und Süddevon. Es soll der schönste Fernwanderweg Frankreichs sein. Und er geht 2000 Kilometer, statt 1000.

Also ich werde die 1000 Kilometer dieses Jahr nicht schaffen. Aber vielleicht irgendwann, das werden wir noch sehen. Und bis dahin, bis Mitte, Ende September, gehe ich einfach so weit, wie ich komme. Und träume vom nächsten Jahr. Was ich mir vielleicht auch ein bisschen abgewöhnen kann, ist das andauernde Träumen. Ich stehe jetzt an der Stelle, an der ich vorgestern ins Inland abgebogen bin, um zum Bus zu gehen. Und von hier aus gehe ich jetzt geradeaus weiter über die Klippen und durch die engen Täler, die Glen und die Combe bis nach Port Isaac.

Ja, der Regen scheint nördlich an mir vorbeizuziehen, da habe ich diesmal Glück gehabt. Eben gab es einen heftigen Regenschauer, da saß ich allerdings im Café und bin ich nicht nass geworden. Es sind nun doch viele Leute auf dem Pfad unterwegs. Es ist eben doch sehr touristisch hier. Ich suche mir ein ruhiges Plätzchen zum meditieren und danach geht es mir besser. Die Wanderung ist landschaftlich sehr schön und lohnt sich auf jeden Fall. Und die Luft ist heute großartig.

Morgen ist Ausruh-Tag und übermorgen ziehe ich weiter nach Newquay. Das ist eine größere Stadt und ich hoffe, dass es dort nicht so arg touristisch ist. Port Isaac war eine heilsame Lektion. Alle diese Orte, die so von dem Tourismus betroffen sind, haben ihren ursprünglichen Charakter ganz verloren, sie sind nur noch malerische Hülsen. Und davon brauche ich mir keine weitere anzuschauen. Vielleicht hindurch gehen, aber nicht da bleiben. Je teurer die Umgebung wird, desto unentspannter sind die Touristen und auch die Einheimischen. Es lohnt sich nicht, dort Zeit und Geld zu verschwenden.

8. Juli – Ich bin wieder auf dem Küstenpfad angekommen. Gestern bin ich nach Newquay in mein neues Zimmer umgezogen. Ein wunderschönes Zimmer, diesmal mit einem Panoramafenster auf den Strand und das Meer. Und es ist ein ganz ruhiges Hotel. Keine Straße unter mir, sondern stattdessen ein Golfplatz und dann der Strand. Newquay ist eine sehr lebendige Stadt, sehr touristisch, aber auch sehr authentisch. Eine schöne Innenstadt mit ganz vielen kleinen unterschiedlichen Lädchen und Geschäftchen, Kaffeechen und Bars, Glücksspiel und Öko-Smoothies, alles nebeneinander.

Gestern hat es den ganzen Tag geregnet, aber da war ich ja auch die meiste Zeit im Bus und dann im Hotel, nur anschließend bin ich ein bisschen durch die Stadt gelaufen. Heute ist es wieder trocken, der Himmel ist dicht bewölkt, dicke, schwere, graue Wolken hängen über mir. Aber es kommt nichts runter. Glück muss man haben.

Heute Morgen bin ich fast zwei Stunden mit dem Bus wieder nach nach Osten gefahren, die Küste entlang wieder zurück, um die erste Etappe von Padstow aus Richtung Newquay zu laufen. Es sind insgesamt drei Etappen, zwei davon sind leicht, die mache ich heute und morgen, und dann kommt eine mittelschwere und lange Etappe. Dann bin ich alles östlich von Newquay gelaufen, fast alles, bis auf die eine Etappe, die ich mal ganz am Anfang ausgelassen habe. Damit habe ich dann Nord Cornwall hinter mir gelassen und bin insgesamt 300 km gewandert.

Ab dann wird England richtig schmal und eng. Ich gehe auf Land’s End zu, das sind gar nicht mehr so viele Kilometer bis dahin und ja, hier ist natürlich viel Tourismus, aber die Leute sind wieder etwas fröhlicher als in Port Isaac und auch etwas entspannter. Das macht es dann auch für mich viel angenehmer. Ja, das ist einfache so, wenn ich auf dem Pfad bin, dann geht es mir so gut, so super gut.

13. Juli – Heute gehe ich die 23. Etappe von Holywell Bay nach Perranporth, womit ich erstmalig West Cornwall betrete, also alles, was westlich von Newquay liegt. Ich fahre bis Perranporth und laufe dann zurück in Richtung Newquay. Perranporth ist auch ein hübscher Urlaubsort mit einem schönen Strand und hinter einer Klippe nach Osten hin anschließend noch einem sehr langen Sandstrand, der etwas ruhiger ist. Und wenn man dann auf dem Küstenpfad weiter geht, kommt man durch eine wunderschöne Dünenlandschaft. Der Weg ist gut begehbar, nicht so anstrengend wie durch sandige Dünen, sondern ein schöner fester Pfad und eben. Das Wetter ist heute sehr schön, strahlend blauer Himmel, und kühle Luft.

Ich war so verzweifelt, weil ich mich so vor dem Zelten fürchte. Ich will es aber so und andererseits ist es auch aus finanziellen Gründen ein Muss. Und ich will es einfach wissen, ob ich es in meinem Alter noch kann. Dieses Abhängigsein von einem eigenen Zimmer mit einem eigenen Klo, das stört mich doch sehr.

Die Perran Sands sind ein ungefähr zwei Kilometer langer Sandstreifen, hier bin ich wieder durch die Brandung gegangen. Und dort konnte ich so klar spüren, wie meine Psyche sich in den letzten 20 Jahren im Büro so verändert hat, in etwas so kleinmütiges, misslauniges, ängstliches und genussunfähiges. Das spüren zu können ist zwar schrecklich, aber es gibt mir die Möglichkeit diese Charakterzüge wieder loszulassen, dieses sehr spezielle Seinsgefühl einer Bürokratin und die daraus resultierenden Verhaltensweisen, die so unzufrieden machen und so viel Angst erzeugen.

Aber ich habe auch gemerkt, wie tief sich dieses Büro in mich hineingefressen hat, wie sehr es meine Persönlichkeit verändert hat. Das ist wirklich nicht gut. Und ich habe auch ein bisschen Angst, dass es sich zu tief reingefressen hat. Ich kann mich selbst irgendwie nicht mehr richtig erkennen. Aber andererseits bin ich ja jetzt gerade erst da raus und habe doch schon so viel in meinem Leben verändert. Diese Fernwanderung, die ich jetzt mache, das ist etwas ganz Neues, was ich zuvor nie gekonnt hätte, und jetzt kann ich es und vielleicht bin ich nächstes Jahr schon von dieser Büropersönlichkeit befreit. Das wünsche ich mir.

Jetzt komme ich gerade an einer anscheinend verlassenen militärischen Anlage vorbei. Das ist sehr gespenstisch. Und atmosphärisch ist es bedrückend. Ich denke an all die Kriege, die jetzt in der Welt sind. Und dass ich da gar nichts mit zu tun habe. Was für ein Riesenglück ich habe, obwohl ich so oft so unglücklich bin. Aber wenn ich diese Atmosphäre hier spüre, dann, nee, ich könnte noch viel unglücklicher sein. Das ist schon ein Optimum, das Leben, was ich jetzt erlebe.

Und nun weiß ich, was hier so bedrückend ist: Ich höre überhaupt keine Vögel, keine Feldlerche, keine Möwe, nichts. Nur das Rauschen des Meeres. Gespenstisch. In der nächsten Bucht liegt Holywell, eine schöne kleine Bucht mit einem nichtssagenden kleinen Ort. Von hier nehme ich den Bus zurück nach Newquay.

14. Juli – Ich bin heute morgen mit dem Bus nach Holywell Bay gefahren, habe dort lecker gefrühstückt, (die haben super leckere Croissants hier) und laufe nun los. Das Wetter ist heute ganz still nach den heftigen Winden und dem Regen in den letzten paar Tagen. Jetzt leckt der Atlantik mit ganz leisen Wellen an der Küste. Es ist ein Geräusch wie am Mittelmeer, in winzig kleine Wellen macht er das und niemand ist da zum Surfen. Himmel und Meer haben eine bleiblaugraue Farbe. Man kann die beiden kaum voneinander unterscheiden. Ganz hinten am Horizont ist ein ganz kleiner Unterschied in den Farbnuancen, da, wo das Meer endet und der Himmel beginnt.

Holywell Bay hat sehr schöne Dünen. Jetzt sitze ich hier hoch oben auf einer und genieße die Stille. Und ich liebe auch diese leisen Wellen, weil ich die aus meiner Kindheit vom Mittelmeer her kenne. Heute habe ich den ganzen Tag Zeit, bis Newquay zurückzugehen. Das ist meine letzte Wanderung von Newquay aus, die 22. Etappe.

Übermorgen geht es dann mit dem Rucksack auf dem Rücken, dem großen Rucksack, weiter. Teilweise bin ich super aufgeregt und habe richtig Angst davor. Aber mal sehen, wie es wird. Vier Tage kein Hotel, Campingplätze im Abstand von fünf bis sieben Kilometern, das müsste zu schaffen sein. Und selbst wenn es die ganze Zeit regnet, was soll schon Schlimmes passieren? Dennoch bin ich sehr gespannt, wie es wird.

Und hier nun so in dieser Sandlandschaft mit diesem sandfarbenen grünen Bewuchs und vor mir dem blau-grauen Meer mit dem gleichfarbigen Himmel darüber zu sitzen, das ist schon eine Welt für sich. Es gibt ganz viel Frieden, hier auf der anderen Seite von Holywell Beach gegenüber der militärischen Anlage, wo es so unheimlich und bedrückend war.

Hier singen auch wieder ganz viele Feldlerchen. Es ist schon komisch: Auf der einen Seite, wo die militärische Anlage ist, herrscht Totenstille. Auf der anderen Seite, wo die Menschen und die Schafe relaxen, sind die Feldlerchen massenhaft vertreten.

An diesem Tag wird es noch richtig warm und viele Wanderer sind unterwegs, denn es ist Sonntag. Am Nachmittag kommt die Sonne heraus und der Strand von Crantock, kurz vor Newquay, ist gut besucht. Ich habe Glück und es ist Ebbe und ich kann die Fußgänger Brücke über den Fluss Gannel nehmen, das spart mir ein paar Kilometer Fußweg durch die Stadt. Wegen der vielen Menschen kann ich zwar nicht wirklich entspannen, aber andererseits bin ich auch nicht mehr so gestresst wie früher. Mit einer gewissen Anspannung fühle ich mich insgesamt recht wohl unter den Leuten. Und das ist ein großartiges Erlebnis.

16. Juli – Heute ist mein erster Tag mit dem großen Rucksack auf dem Rücken und der Tag hat natürlich sehr merkwürdig begonnen. Erstmal hat es gestern den ganzen Tag geregnet. Ich habe mir natürlich jede Menge Sorgen gemacht, dass es heute weiter regnet, weil ich das irgendwie noch nicht so verkrafte.

Aber es regnet heute nicht. Ich bin früh aufgewacht. Ich habe geschlafen weil ich gestern eine Tavor genommen habe. Und dann bin ich um 6 Uhr aufgestanden. Ich habe meine Yoga-Routine gemacht. Ich habe viel Müsli gefrühstückt und alles eingepackt und dann festgestellt, dass ich überhaupt kein Internet habe. Weder Mobil noch über WLAN. Das hat mich dann wieder ziemlich in Panik versetzt. Trotzdem bin ich einfach los, mit dem Bus Richtung Perranporth. Im Bus habe ich dann immer wieder probiert, ins Internet zu kommen.

Irgendwann hatte ich es dann raus: Ich habe ein privates VPN und das unterbricht ab und zu mal die Internetverbindung. Dann muss ich das VPN für ein paar Tage ausschalten und dann geht es wieder. Aber ich falle jedes Mal drauf rein und ausgerechnet heute Morgen hatte ich kein Internet. Ich habe mir schon riesige Sorgen gemacht, was machst du denn jetzt, du bist unterwegs, hast kein Internet und so weiter.

In Perranporth bin ich erstmal aufs Klo gegangen, das sind sind 400-500 Meter extra und mit dem Rucksack ist das sehr viel. Dann bin ich bergauf, von Perranporth weg, Richtung Westen. Und jetzt bin ich vielleicht einen halben oder einen Kilometer weg vom Ort und mach erstmal Pause. Die Sonne scheint ein bisschen durch die Wolken durch. Es ist schön.

Ja, das klappt ganz gut mit dem Wandern mit dem Rucksack. Ich bin so ungefähr fünf Kilometer gewandert und auf dem Zeltplatz angekommen. Ich habe einen Pitch bekommen und mein Zelt aufgestellt, die Luftmatratze aufgeblasen, und jetzt liege ich in meinem winzigen Zelt. Es ist noch ganz früh, erst halb vier, aber ich hätte auch nicht mehr weiter laufen können. Es hätte noch einen weiteren Zeltplatz gegeben, aber das hätte ich meinem Körper nicht antun dürfen und so habe ich es dann auch nicht gemacht.

Jetzt habe ich noch einige Stunden Zeit bis zum Schlafengehen. Also das war schon sehr anstrengend. Vor allem psychisch. Ich merke, dass ich die Zähne zusammengebissen habe, und jetzt habe ich auch richtig Kopfschmerzen vom Zähne zusammenbeißen.
Und wenn die nicht weggehen, dann muss ich nachher eine Kopfschmerztablette nehmen. Aber das geht ja, das kann man ab und zu mal machen. Und jetzt liege ich hier und schaue über die Wiese und warte ab, was passiert. Passiert nichts. YGanz merkwürdig. Ganz, ganz merkwürdig.

17. Juli – Heute ist der zweite Tag mit Rucksack wandern. Jetzt habe ich, nachdem ich gestern die steilen Abgründe bewältigt habe, auch heute wieder steile Abstiege und Aufstiege. Die letzte Woche gab es sowas nicht und ich habe jetzt gar nicht damit gerechnet, dass der Weg hier wieder so steil wird. Aber dafür habe ich eben keinen Regen. Und das ist auch gut.

Es ist noch früh, erst halb elf, und ich muss heute nur noch sechs Kilometer gehen. Das werde ich wohl irgendwie schaffen. Es ist schon ein ganz anderes Gefühl, einfach nicht mehr zurück zu müssen, keinen Anker zu haben, alles dabei zu haben. Der Rucksack ist eine Last, aber so ist es auch total befreiend. Dieses immer zum Bus müssen, zurück müssen, ist auch eine Last.

Nicht desto trotz freue ich mich auf das Hotel, was ich in drei Tagen beziehen werde. Die Nacht in meinem super kleinen, super leichten, super teuren Zelt, dem Lofoten ULW 2 (Ultra Light Weight 2 – 2 für 2 Personen, aber zwei Leute passen nicht da rein), die war ganz okay. Das Zelt ist gut durchlüftet und es ist wirklich winzig. Aber ich habe meinen Rucksack reingekriegt und alle Sachen konnten da drin herumfliegen.

Heute morgen war ich wie üblich um fünf Uhr wach und bin dann auch gleich zum Duschen und Zähne putzen gegangen. Das Zelt war von innen und außen pitschnass, aber nicht vom Regen, sondern vom Tau, von der Luftfeuchtigkeit. Dann wusste ich erst mal nicht, was mache ich jetzt? Aber zum Glück kam die Sonne raus und die hat mein Zelt dann bis neun Uhr getrocknet.

In der Zeit habe ich ganz langsam mein Bio-Müsli gekaut, was ich sonst immer viel zu schnell runterschlinge, weil ich zum Bus muss. Aber heute hatte ich ewig Zeit und habe dann das Müsli sachgerecht verzehrt. Es wird mich dann auch viel besser ernähren, denke ich, als wenn ich es so runterschlinge.

Gleich komme ich an den Strand von St. Agnes und da soll es ein Café geben. Da werde ich mein zweites Frühstück einnehmen. Ich hoffe, ich kann irgendwo Wasser kaufen, weil ich das Leitungswasser nicht so gern trinke. Das schmeckt ein bisschen nach Chlor, aber ich habe mir eine halbe Liter Flasche abgefüllt. Bis St. Agnes komme ich auf jeden Fall.

Heute Morgen habe ich kein Yoga gemacht, das konnte ich einfach nicht auf der nassen Wiese. Und dann all dieses Neue, das spüre ich jetzt im Rücken und im Körper und überall. Aber zumindest meine Atemübungen und meine Sound-Übung, Yoga für Freude, konnte ich machen. Das geht super gut auf der Bank, da braucht man keinen Platz für die Yoga Matte.

Zwischen Newquay und Perranporth liegt eine sanfte Dünenlandschaft, aber hier ab Perranporth, weiter westlich, sind wieder raue Klippen angesagt, Felsenklippen und darauf wächst wunderschönes lilanes Heidekraut. Die ganzen Abhänge sind lila und dazwischen wachsen kleine gelbe Blumen, manchmal auch noch weiße und blaue, aber vor allen Dingen dieses lila mit den gelben Tupfen da drin, das ist fantastisch. Headland von St. Agnes, so nennt sich das hier, es ist so schön.

Für heute bin ich mit dem Küstenpfad fertig und auf dem Weg zum Campingplatz ins Inland. Der Pfad führt durch ein Buschfeld, wilden, halbhohen Busch, verschiedene Kräuter und Pflanzen, Blumen und Blüten. Hier summen die Bienen und das ist ein Summen, so laut wie bei uns die Autobahn, so intensiv und so eine Klangfarbe, wie wenn man etwas entfernt von der Autobahn steht. So viele Bienen gibt es hier. Alles wilde Bienen, vielleicht auch Honigbienen, aber auf jeden Fall Bienen.

18. Juli – Heute Nacht habe ich auf einem sehr schönen, ruhigen Campingplatz (Beacon Cottage Farm Holidays) übernachtet. Sehr freundliche Leute, sehr sauber und sehr preiswert (12 £) im Vergleich zu gestern (20 £). Ein Stück zwar vom Coast Path weg, etwa 1,6 km. Finanziell lohnt sich der Weg dann schon. Dann heute morgen im ersten Beach Café ein sehr, sehr leckeres Croque Monsieur verzehrt. Ernährung ist auf den Campingplätzen nicht, die haben keine Shops, keine Cafés. Da gab es heute Morgen zum Frühstück nur Müsli mit Wasser, aber jetzt habe ich auch Fett und Kohlenhydrate nachgetankt und Kaffee.

Nun bin ich die Steigung hinauf gestiegen, ungefähr 80 Meter hoch mit dem 10 Kilo Rucksack. Ich muss sagen, heute habe ich gar keine Lust mehr, den zu tragen. Ich habe den ja jetzt zwei Tage, jeweils neun Kilometer wird weit getragen. Heute Morgen habe ich nun keine Lust mehr. Aber jetzt habe ich mir ein Plätzchen gesucht, auf dem ich mich hinsetzen kann. Und der Rucksack wird jetzt von der Anhöhe hinter mir getragen und gleich trinke ich noch ordentlich Wasser nach.

Also das Wetter ist heute sehr mild. Die Sonne ist ziemlich stark, ist schon fast heiß. Das Meer hat eine Farbe wie im Süden, Azur. Jede Menge liebliche Blautöne mischen sich am Meer und am Himmel. Und hier unten sitze ich in dem wunderschönen lila Heidekraut, was die Landschaft seit Perranporth prägt.

Gestern bin ich noch so hart am Abgrunde entlang gegangen, dass ich am Ende richtig Angst hatte, gar nicht mehr irgendwo hingeschaut habe, keine Aussicht, kein Foto, nur noch auf dem Pfad, nur noch aufs Gehen konzentriert, damit ich bloß nicht darunter falle mit meinem schweren Rucksack. Aber jetzt geht’s, jetzt ist der Pfad ein Stück weg von der Steilküste, so etwa 8 Meter. Das bedeutet, dass man sich irgendwo festhalten kann, an dem dornigen Gestrüpp, wenn man runterfällt. Der Pfad ist auch viel breiter jetzt, da fällt man dann auf den Weg, wenn man fällt.

Heute gehe ich nur 5 Kilometer, dann habe ich den nächsten Campingplatz erreicht. Dann stelle ich mein Zelt auf und habe hoffentlich noch viel Zeit. Vielleicht gehe ich nochmal runter zum Strand. Mal sehen. Ich muss auch gucken, wie ich mich ernähre. Ich habe zwar noch Müsli, aber Müsli mit Wasser ist wirklich hart.

Aber der Campingplatz, wo ich jetzt hingehe, da gibt es wohl anscheinend ein Restaurant (Mount Pleasant Ecological Park). Vielleicht bekomme ich morgen dort ein Frühstück. Das ist jetzt so wunderschön hier, das ist unbeschreiblich, einfach unbeschreiblich.

Ich bin jetzt auf dem Campingplatz angekommen, den ich mir ausgesucht hatte, aber der ist geschlossen. Ich hatte das irgendwie nicht gesehen im Internet. Die hatten ein Festival und sind am aufräumen und haben mich dann netterweise doch hier campen lassen. Jetzt bin ich hier ganz allein auf der Wiese. Fast ganz allein, eine riesige Wiese und das ist auch ganz schön so, sehr still. Ja, und auch ein bisschen gespenstisch.

19. Juli – Ich wache auf dem leeren Campingplatz auf und ich habe total tief geschlafen, es gab wirklich kein Geräusch um mich herum. Keine Tiere, auch keine Vögel, die waren wohl noch auf Tauchstation nach dem Music Festival. Ich habe geduscht und ein bisschen gegessen, meine Sachen zusammengepackt und bin etwa einen Kilometer weit den Berg wieder hinunter zum Strand in das dortige Beach Café gegangen.

Auf dem Weg zum Strand merke ich, dass mir der Rucksack viel zu schwer ist und dass meine Beine dieses Gewicht heute auf gar keinen Fall tragen wollen. Es gab richtig Protest aus dem Körper. Okay, ja dann gehe ich jetzt erstmal ins Café und dann schauen wir weiter.

Unten am Strand von Porthtowan, da gibt es eine Busverbindung. Im Café habe ich WiFi und ich suche mir eine Busverbindung zu dem Campingplatz, an dem ich heute übernachten werde, heraus. Also dann werde ich die heutige Strecke von 6 – 7 km statt auf dem Küstenpfad zu wandern mit dem Bus fahren und das Wandern wandern sein lassen.

Jetzt genieße ich ganz entspannt und erleichtert ein leckeres Frühstück mit einem guten Kaffee. Ich nehme den Bus und fahre ganz gemütlich zum nächsten Campingplatz. Die Leute von Hillscrest View Campsite sind sehr nett: Amy bringt mir einen Gartenstuhl, sodass ich mich mal ordentlich neben mein Zelt auf den Stuhl setzen kann, was für meinen Rücken wirklich eine Entlastung ist.

Ich baue mein Zelt auf und kurz danach fängt der Sprühregen an. Das Wetter schlägt um und es soll richtig viel Regen geben. Nun mache ich mir schon Sorgen, wie ich das wohl morgen mit dem pitschnassen Zelt geregelt bekomme: im Regen alles abbauen, einpacken und dann endlich wieder in ein Hotel ziehen. Da kann ich das Zelt und alles andere, was nass geworden ist, trocknen. Aber erstmal mache ich mir ziemliche Sorgen. Es ist das erste Mal, dass ich im Regen mit dem kleinen Zelt draußen bin.

20. Juli – Während der Nacht gibt es nur Sprühregen, nur einmal höre ich richtig Regen fallen. Am Morgen um 5 Uhr schaue ich auf dem Regenradar nach,
wann denn jetzt der große Regen kommt und glücklicherweise hat er sich um zwei Stunden nach hinten verschoben und soll erst um neun und nicht schon um sieben Uhr kommen. Also habe ich noch zwei Stunden Zeit.

Um halb acht habe ich dann in dem Zelt, in dem man kaum sitzen kann, sitzend angefangen alles zusammenzurollen und einzupacken. Den Schlafsack, die Luftmatratze, die Klamotten, den ganzen Rucksack im Zelt packen und den dann im heftiger werdenden Sprühregen in die Waschräume bringen, in die Duschkabine, wo ich eine große Ablage habe, wo ich alles noch mal ordentlich umpacken kann. Dann wieder raus, das Zelt abbauen und pitschnass einpacken, die nasse Zeltunterlage einpacken, die Heringe nicht vergessen und schnell zurück in den Waschraum.

Das alles zwar nur im Sprühregen, aber immerhin. Und jetzt erstmal ganz gemütlich waschen, Zähne putzen, duschen. In der Duschkabine kann ich auch frühstücken, Müsli mit Hafermilch habe ich noch. Und ja, als ich dann da drin war, fing es dann auch richtig an zu regnen. Das wäre nicht lustig geworden, im Regen das Zelt noch abzubauen.

Ich hatte aber Glück und war schon drin, war früh genug aufgestanden, was ich nicht immer so gekonnt hätte. Aber jetzt kann ich es. Nun noch nach den Abfahrtzeiten für den Bus schauen, es sind noch etwa 10 Minuten Zeit, also alles ordentlich wegpacken, den Regenschutz um den Rucksack spannen, auch das zum ersten Mal, und dann zum Bus gehen und zum Hotel Vyvyan Arms nach Camborne fahren.

Das Hotel ist ein altehrwürdiges Haus. Sehr freundliche, sehr britische Wirtin und Wirt heißen mich Willkommen und geben mir mein Zimmer, obwohl ich viel zu früh bin. Es ist zwar an einer lauten Straße und ich bin direkt über einer Musikkneipe, aber ich fühle mich superwohl. Ich hänge die nassen Campingsachen auf, die haben jetzt drei Tage Zeit zum Trocknen.

Dann packe ich alles an Kleidung ein, was ich nicht am Leib trage, und wasche die Sachen in der nächsten Launderette. Die macht heute schon am frühen Nachmittag zu, so dass recht bald ziemlich viel hektischer Betrieb herrscht. Egal, paar meine Sachen sind schnell trocken und jetzt sitze ich auf meinem Bett und kann nach Herzenslust streamen. Vielleicht gehe ich nachher unten in der Kneipe ein Bier trinken.

23. Juli – Nach zwei Ausruhtagen und drei Ausruhnächten, intensiv also, bin ich wieder auf dem Küstenpfad. Auf dem Stück zwischen Portreath und Hayle. Das unterteile ich mir in drei Etappen.
Die erste Etappe geht von Portreath bis zur Margo Farm Campsite. Das sind ungefähr sechs Kilometer.
Ich habe wirklich Angst davor, wahrscheinlich, weil ich die letzte Strecke vor dem Ausruhen einfach nicht mehr geschafft habe, aber auf dem Weg merke ich, dass es geht.

Ich merke auch, dass meine Schultern eigentlich viel zu schwach für so Aktionen sind, und ich überlege mir, wenn ich im Oktober wieder zurück in Köln bin, dass ich mich dann für drei Monate im Fitnesscenter anmelde, um meinen Rücken, meine Schultern und auch mein Kreuz und Becken für die Wandersaison 2025 zu stärken, fit zu machen. Ich komme auf dem Campingplatz an, der ist ganz nett, sehr einfach gehalten, es sind auch wenig andere Leute da und ich habe Glück mit dem Wetter, bis jetzt kein Regen.

Wenn ich morgen früh das Zelt trocken kriegte, das wäre schön. Ich hatte Müsli eingepackt und jetzt esse ich Müsli mit Wasser. Zum Nachtisch gibt es einen Apfel. Morgen früh das gleiche und dann laufe ich erst mal vier Kilometer bis ich beim ersten Café ankomme. So ist das Leben.

Während der zwei Tage Ausruhzeit, habe ich ziemlich Depressionen gehabt. Ich glaube, die Rucksack-Aktion, die wirft mich noch mal ganz zurück auf den Anfang, weil ich jetzt wieder körperlich voll an und über meine Grenzen gehe. Und das ist irgendwie ein Problem für mich, also psychisch, physisch auch, aber vor allem psychisch. Und umso weniger will ich mich davon abhalten lassen, auch wenn ganz laute Stimmen in mir sagen, lass das doch, dann gibst du halt dein Geld fürs Hotel aus. Aber nein, solange es geht, so wie heute, lass ich es eben nicht sein.

27. Juli – Ich bin wieder an der Küste angekommen. Ich bin jetzt westlich von St. Ives. Mit dem Bus bin ich nach Zennor gefahren. Ich dachte, diese Landschaft wäre irgendwie öde und touristisiert und alles dieses. Doch nein, es ist eine wunderschöne, grüne, wilde Landschaft. Viel wilder als das Cornwall, das ich davor gesehen habe. Hier gibt es ganz kleine Weiden mit krumme Hecken dazwischen und ganz vielen Blüten, so viel Blüten. Überall blüht es und das Wetter ist schön, ein bisschen bewölkt, ein bisschen Sonne, ein bisschen Wind.

Und jetzt gehe ich zurück bis nach St. Ives. Das sind etwa elf Kilometer. Dafür habe ich den ganzen Tag für Zeit. Die letzten Tage waren sehr chaotisch. Ich war weiter auf Campingplätzen unterwegs und nach anderthalb Tagen hat es angefangen zu regnen, sehr viel zu regnen und mein Rücken fing an richtig zu schmerzen. Dann bin ich nach Gwithian gekommen. Das ist extrem touristisch. Da gibt es drei Campingplätze, die sind rappelvoll mit Glamping-Touristen.

Und diese Glamping-Touristen, die sind so wie Lemminge. Denen ist alles egal. Hauptsache sie können in Massen auftreten. Die Waschräume waren ekelig, einfach weil Massen dadurch sind, und die Zeltplätze für Wanderer waren – also das waren irgendwie sieben Quadratmeter oder so ähnlich. Gut, das ist übertrieben. Aber wir standen echt ein Zelt neben dem anderen, da war überhaupt kein Platz zwischen. Das war anstrengend. Für mich war das überanstrengend.

Ich konnte nicht mehr, auch wegen der Rücken Schmerzen, also bin ich gestern mit dem Bus bis zum Hotel nach Carbis Bay gefahren. Es ist ein schönes altes Hotel. Es ist auch sehr hellhörig, aber man hat wenigstens den Sichtschutz. Ich habe da mein Zimmerchen, ich habe Blick aufs Meer, ich konnte heute morgen den Sonnenaufgang sehen. Und ich habe mein eigenes Klo mit einer Badewanne, total super. Und genug Platz für Yoga.

Und jetzt bin ich hier in dieser Landschaft von Zennor. Es ist jetzt auch nicht mehr weit bis Land’s End. Hier gibt es sehr viele große Steine. Das erinnert einen an diese Steinkreise und dann die Steinmonumente, die es überall in GB gibt. Und das ganze Land ist hier sehr magisch. Der Busfahrer heute Morgen, der war irgendwie ganz bedröppelt und schlecht gelaunt und dann stellte sich raus, dass die Ticketmaschine nicht funktioniert. Und dabei sind die Busfahrten hier so billig. Zwei Pfund, egal wohin, und ich hab trotzdem mich spontan so gefreut. Und alle nach mir haben sich über die Einladung zur Busfahrt gefreut. Ich glaube, das hat ihm auch die Laune wieder gerettet. Da sah auch er irgendwie alles sehr magisch, sehr, sehr magisch.

Jetzt kommt die Sonne raus und gerade ist eine große Truppe älterer englischer Wanderer an mir vorbeigezogen. Alle sind sehr gut gelaunt und jetzt gehe auch ich ganz gemütlich bis zur Küste, den Kilometer von der Bushaltestelle Zennor aus. Ich hatte einige interessante Begegnungen in den letzten 5 Minuten. Erstmal kam mir das Pärchen entgegen, das neben mir in Gwithian gezeltet hat und dann kamen die alten Leutchen wieder zurück und waren total begeistert und aufgeregt, weil sie eine „adder“ gesehen hatten. Das ist eine Kreuzotter. Ich hoffe, ab jetzt wird es wieder etwas ruhiger.

Der Pfad ist hier besonders schön. Die Landschaft ist ganz anders als hinter Newquay. Völlig anders, wegen der Steinbrocken. Gerade fliegt ein großer Schwarm Krähen an mir vorbei. Vielleicht sind es auch Raben. Das ist auch selten, dass die hier als Schwarm auftreten, meistens sind es die Möwen, die hier in Schwärmen herumfliegen.

Und jetzt England, wie es leibt und lebt. Gerade eben kommt noch eine junge Frau mit einem schlecht erzogenen Hund vorbei, der mich in Angst und Schrecken versetzt. Und 100 Meter weiter kommt eine junge Frau mit einem schweren Rucksack und sie ist so nett und erzählt mir, ja, sie hat mich doch in Gwithian gesehen und wie es denn so geht … und ja und jetzt ist mein Herz wieder ganz beruhigt. So Hunde machen mir halt richtig Angst und die junge Frau mit dem schlecht erzogenen Hund, die hat das nicht verstanden und sie hat mich dann auch niedergemacht, ja und 100 Meter weiter ist dann jemand so nett. Das ist England. England für mich.

Hier ist die Geologie eine ganz andere als noch ein paar Meilen weiter östlich. Die Erde ist hier ganz schwarz und moorig, die Steine sind so wie Blöcke, wie Basalt, wie schnell erkaltete, zerbrochene Lava und bei Gwithian und davor, da ist alles ganz krümelig und das sieht irgendwie unordentlich aus, die Klippen dort. Die sind zwar auch sehr malerisch, aber ich mag diese großen abgerundeten und geometrisch gestalteten Steinblöcke.

28. Juli – Ich bin wieder an der Küste angekommen.
Heute ist Sonntag, da fahren die Busse anders, seltener. Ich wollte den Touristenbus nach Land’s End bis nach Morvah nehmen und dann bis Zennor zurück laufen, aber der ist an mir vorbei gefahren, der war schon voll. Eine sehr, sehr nette Dame neben mir meinte, gar kein Problem, den Bus kriegst du. Wir nehmen den nächsten bis Malakoff, also bis St. Ives Bus Station. Da steht der Land’s End Coaster dann und du kannst dort einsteigen.

Denn viele Touristen kommen mit diesem Bus von Penzance her und wollen nach St. Ives, deshalb war der schon voll, aber an der St. Ives Bus Station, da steigen viele aus, da ist dann wieder Platz. Und so war es dann auch. Und mit ungefähr 20 Minuten Verspätung bin ich dann in Morvah angekommen. Das Wetter ist super, der Himmel blau mit weißen Wölkchen, das Meer blau blau mit weißen Schaumkronen, die Küste ist rau, aber sehr still.

In Morvah gibt es ein Kunstcafé auf einer Farm, da habe ich einen sehr, sehr, sehr leckeren Flapjack gegessen. Der schmeckte nach Butterkaramell und er war mit getrockneten Aprikosen. Das war toll. Und Kunst hatten sie von verschiedenen lokalen Künstlern ausgestellt, dazu leckeren Kaffee und die Milch war von der Farm. Also alles perfekt.

Jetzt bin ich mit sehr viel Verspätung am Küstenpfad angekommen. Ich habe zehn super anstrengende Kilometer vor mir. Wieder über Stock und Stein. Genau die gleichen großen Steinblöcke wie gestern. Und um fünf will ich in Zennor sein, weil dann der Bus kommt. Aber wenn ich den verpasse, dann geht noch einer um sieben. Mal sehen wie es wird.

England ist ein wirklich sehr sehr schönes Land, wenn die Sonne scheint. Wenn sie nicht scheint, sind die Leute nett und die Flapjacks lecker. Aber mit Sonne ist es das perfekte Land. Hier ist es sehr sehr still, wunderschön. Jetzt höre ich Leute, die kommen mir entgegen. Jetzt sehe ich sie auch. Es ist das erste Mal, dass ich mich darüber freue, dass auch andere Leute hier sind. Sonst kriege ich immer gleich sozialen Stress und Angst.

Das ist wirklich eine wunderschöne Strecke hier, also fast noch schöner als gestern. Das Laufen ist hier doch nicht so schwierig wie gestern. Der Pfad ist sehr viel gleichmäßiger. Es sind schon viele Steine dazwischen, aber eher so die Höhe von Treppenstufen oder doppelten Treppenstufen und nicht gleich einen Meter zehn hoch, wo man dann irgendwie hochkrabbeln muss, und das andauernd. Ich habe jetzt etwa dreieinhalb Kilometer von den zehn Kilometern gemacht und klopf auf Holz, tok tok tok, nehme den Kopf am besten, dass das so bleibt, dass es heute nicht so anstrengend wird. Denn so ist es echt perfekt. Schöner kann es nicht sein. Habe ich zwar schon mal gesagt, war auch so und ist jetzt wieder so. Wahnsinn.

31. Juli – Wieder auf dem Küstenpfad angekommen.
Heute war alles eine ziemliche Verirrung. Erstmal habe ich gar nicht gut geschlafen, viel schlechter als sonst die Tage. Heute Morgen waren dann alles, was ich mir an gesunden psychischen Funktionalitäten auf der intuitiven Ebene schon erarbeitet hatte, weg. Intuitiv war ich wieder eine widerwurstige, schlecht gelaunte Jugendliche. Egozentrisch und dumm.
Und ich musste jede psychische Funktion bewusst wieder aktivieren. Ist auch jetzt noch so. Irgendwas hat mich heute Nacht zurückgesetzt.

Dann habe ich den Bus nach St. Just genommen. aber nicht den üblichen Touristenbus, sondern den normalen Linienbus. Der ging dann über Penzance und Penzance ist der nächste Ort, in dem ich ein Hotel habe, ab dem 2. August. Und es war interessant, da durchzufahren. Das ist schon eine noch größere Stadt als St. Ives, auch längst nicht so touristisch, schon touristisch aber irgendwie normaler. Es war ein Gefühl wie in die Zukunft reisen, war auch ganz merkwürdig. Dann, mit einiger Verspätung in St. Just angekommen, erst mal zum Marktplatz gehen, ein gemütlicher kleiner Marktplatz. Zweites Frühstück eingenommen und dann versucht, durch die Stadt zum Küstenpfad zu gelangen.

Die Stadt St. Just ist von den Minenarbeitern und dieser Industrie geprägt und sie ist entsprechend grau und einförmig. Und sie ist auch ganz anders wieder als die anderen nahen Städte. Ich bin wie üblich Mapy gefolgt, der App aus Tschechien. Und die hat mich dann wieder auf Pfade geführt, die es nicht mehr gibt. Diesmal bin ich glücklicherweise rechtzeitig davon wieder weg und habe Zurückgehen und einen Umweg in Kauf genommen und schließlich den Küstenpfad erreicht. Es ist jetzt 1 Uhr und ich habe immer noch neun Kilometer vor mir, dann erreiche ich Land‘s End.

Die Gegend mit den Minenruinen scheint hinter mir zu liegen, vor mir sieht es wieder mehr nach Natur aus und es ist heute sehr schwül, sehr diesig, sehr grelles, helles Licht, anstrengend eben. Für die neun Kilometer habe ich jetzt ewig Zeit, weil von Land‘s End geht jede Stunde ein Bus bis abends 8, 9 Uhr. Da
ist es egal, wie lange ich für die neun Kilometer brauche.

Jetzt nähere ich mich der Küste und es geht ein bisschen mehr Wind, es ist etwas erfrischender. Direkt über dem Meer habe ich eine schöne warme Steinbank gefunden, sehr gemütlich, und vor und unter mir sind schöne Fels, wo sich die Wellen dran brechen. Sehr malerisch. Jetzt sitze ich hier erst mal und ruhe aus, obwohl es schon so spät ist. Und ich genieße, dass ich hier bin. Ein bisschen fühle ich mich wie eine müde Fliege in der Sonne. Zu müde, zu träge zum Fliegen. Zu träge zum Weitergehen.

Unten an den Felsen sitzt ein Mann. Der hat sich jetzt ganz nackend ausgezogen und geht FKK-mäßig ins Meer und sah sehr glücklich aus auf die Ferne. Das Gesicht kann man nicht erkennen, aber dass er ohne Kleidung war, war noch zu erkennen. Und dass er glücklich ist (war zu fühlen). Jetzt treibt er in seiner kleinen Felsbucht, wo er ein bisschen vor den Wellen geschützt ist.

Und ja, heute ist ja der Tag, an dem ich Land‘s End erreichen werde. Land‘s End, das ist immer so ein Fixpunkt für mich gewesen. Ein Traum, ein Meilenstein und Ziel. Irgendwie habe ich mich immer so tief in die Vorstellung versenkt, dort anzukommen, dass ich es gar nicht fassen kann, dass es jetzt Wirklichkeit wird. Und dazu die ganze Atmosphäre, die komische Nacht, die Busfahrt in die Zukunft. Alles ist auch so unwirklich, das feuchte, schwüle Wetter, das grelle Licht. Ich bin auch nur halb da, so fühlt es sich an.

Ich sitze jetzt hier an einem Aussichtspunkt auf einem warmen Stein und kann schon den Ort Sennen Cove sehen und dahinter ist schon die Landzunge von Land’s End zu sehen und davor die kleinen Inselchen mit einem Turm darauf. Also Land’s End kann ich schon sehen, wenn ich auch noch nicht da war. Land‘s End, das ist für mich ein Ort, wie wenn man denkt, so, wenn du das erreichst, ist alles ganz anders. Dann bist du nicht mehr müde, schwach, psychotisch, neurotisch, psychisch krank, traumatisiert. Dann ist alles anders.

Und jetzt kann ich den Ort sehen, er ist nur noch sechs, sieben Kilometer entfernt und ich weiß nicht, wie auf der kurzen Strecke, in der kurzen Zeit nun alles anders werden soll. Es ist genauso wie immer, genauso wie früher, noch schlimmer als gestern. Ja, so ist das im Leben. Man denkt immer, irgendwann hat man es geschafft, etwas, was so anders ist als die Realität. Glücklich sein, unbeschwert sein, frei sein.
Ich habe das schon jetzt erreicht mit der Rente, aber trotzdem bin ich es nicht. Außer manchmal. Wenn es richtig schön ist zum Beispiel.

2. August – Heute bin ich in Penzance angekommen. Das Wetter wird wieder schlechter, darum bin ich jetzt noch mal sieben Tage im Hotel, anstelle mit dem Camping weiter zu machen. Hier ist das Hotel auch etwas billiger. Penzance ist ein Städtchen, eine Stadt, wo auch sozusagen normal Geld verdient wird, nicht nur mit Tourismus. Hier gibt es viel Fischindustrie, man riecht es auch ein bisschen, aber nur in der Nähe vom Hafen, alles cool.

Es gibt wunderschöne subtropische Parks hier, viele Straßen mit schönen alten Häusern, einen großen Hafen, der überhaupt nicht touristisch ist, also ohne Cafés und Souvenirshops, nur Boote darin, Wasser und Boote. Über das Hafenbecken geht eine Brücke und über die Brücke geht der Berufsverkehr. Auf der einen Seite der Brücke zum Meer hin liegen die Segel Jachten, und auf der anderen Seite der Brücke ist ein kleines Meerschwimmbad für die Menschen, wo die Leute schwimmen und Stand-Up-Paddling machen.

Und das ist sehr überzeugend, weil das Wasser kann ja dann so schlecht nicht sein. Ich kenne Hafenwasser nur als eklige Brühe, aber wenn die Leute hier mit ihren Kindern und Hunden drin schwimmen, dann sollte das Wasser nicht so schlimm sein. Das ist wieder so ein wunderbares Beispiel für das Miteinander, das man in England oder in Großbritannien so ganz außerordentlich praktiziert. So etwas habe ich noch nie irgendwo gesehen oder erlebt oder mitbekommen, dass Menschen so mit so wenig Reibung in ihrer Individualität zusammen leben, sich das Leben nicht schwer machen, sondern leben und leben lassen. Eigentlich eine alte kölsche Lebensweisheit, die man in Köln aber verloren hat, zumindest weitgehend.

Heute Morgen bin ich mit dem Bus drei Stunden von St. Ives aus über die Westspitze von England über Land’s End, dann Porthcurno, wo das direkt am Meer gelegene Freilufttheater Minnack ist, bis nach Penzance gefahren. Das dauert drei Stunden. Der Bus war ein Open-Deck-Bus und es war schön, die ganze Zeit im Freien die Fahrt über dieses Land zu machen. Hat sich gelohnt. Drei Stunden für 20 oder 30 Meilen oder so. Jetzt bin ich in einem kleinen Hotel. Die machen kein britisches Frühstück, sondern Continental Breakfast, entweder Wurst- und Käsefrühstück oder Müsli-Frühstück. Jeden Tag muss man neu wählen. Mal gucken, morgen gibt es erstmal Käse- und Wurstfrühstück. Morgen wandere ich wieder, ich fahre mit dem Bus zurück bis Land‘s End und laufe dann ungefähr neun Kilometer nach Porthcurno, schaue mir das Freilufttheater an und dann bin ich für morgen auch schon wieder erledigt.

Penzance ist wie Ilfracombe und Barnstaple, eine normale Stadt sozusagen, aber nicht so arm. Hier ist alles viel besser in Schuss und die Leute gucken auch nicht so verhärmt. Den Leuten geht es hier anscheinend besser. Und das Meer ist jetzt ein anderes. Hier in Penzance ist es nicht mehr der Atlantik, sondern schon der Kanal. Von hier aus kann ich auch schon The Lizard sehen. Das ist eine Küstenformation, die auch extrem schön sein soll, wo jeder unbedingt mal hin muss. Aber die wäre erst übernächste Woche dran.

Wind und Wetter sind hier ganz anders: An der Nordküste kommt der Wind vom Atlantik her und damit die Wolken vom Meer übers Land. Hier an der Südküste kommen sie vom Land in Richtung Meer, also der Atlantikwind ist eindeutig stärker als der Kanalwind. Da muss man sich jetzt auch erst mal dran gewöhnen, wohin man guckt, wenn man nach dem Regen schaut.

3. August – Ich bin wieder in Land’s End angekommen, zum dritten Mal jetzt und auch zum letzten Mal. Von hier aus gehe ich jetzt nach nach Süden und wenn ich dann an die Ecke komme von England, also an die Südwestecke, dann gehe ich nach Osten. Es ist noch früh, es sind noch nicht viele Touristen unterwegs, es ist noch ganz ruhig und hier gibt es tolle Felsformationen.

Das Wetter ist sehr diesig, das Licht ist sehr weiß, das tut mir immer in den Augen weh und mir ist schwindelig. Vielleicht von dem Wechsel nach Penzance, von der Aufregung, von der Nacht.
Das Hotel ist zwar sehr schön, aber auch sehr hellhörig. Ich bin vom Schnarchen von den Nachbarn aufgewacht. Man hört stundenlang das Wasser rauschen, wenn die duschen. Ne, sehr hellhörig. Aber ein schönes Hotel. Eine sehr liebe Mary, die sich viel Mühe gibt. Und in sieben Tagen ist es eh vorbei. Dann bin ich schon in Helston. Von Helston aus erkunde ich den Lizard.

Aber jetzt bin ich erst mal am Südwestende von Cornwall, von ganz England, von ganz Großbritannien und genieße die wunderbaren Felsen, die man hier sieht. Heute habe ich nur eine kurze Strecke, ungefähr acht Kilometer bis Porthcurno und dort habe ich vielleicht noch Zeit, mir das Freilufttheater Minnack anzuschauen, bevor ich den Bus zurück nach Penzance nehme. Noch bin ich kurz hinter Land’s End und es ist ganz still hier, wie bei den Minenruinen. Nur ein einzelner Rabe saß eben noch da und hat rah rah gemacht. Die Pflanzen wachsen hier auch kaum. Zwischen 2 und 15 cm hoch ist das Heidekraut, aber im Schnitt eher so 5 bis 7 cm. Ganz manchmal gibt es diese stacheligen Büsche, die ein bisschen aussehen wie Wacholder. Aber die sind auch nur ganz klein hier, ganz klein und kratzig. Und ganz viel Stille, wirklich keine Vögel, noch nicht einmal Möven.

Aber hier sind viele, viele tiefe kleine Schluchten in den Klippen, die werden wohl von den Winterstürmen aus dem Land gerissen. Hier sieht man auch mehr große Boote, hier gibt es richtige Schiffe, die kommen wohl aus dem Kanal und fahren Richtung Westen oder Norden. Der Küstenpfad ist sehr belebt mit Touristen hier, aber das kann man auch verstehen. Es ist ein besonderer Ort.

Hier ist sehr viel Weite, nur die Steine, die Felsen und das sehr kurze Gestrüpp, da kann ich die vielen Menschen besser ertragen. Es sind viele ausländische Touristen hier, das merkt man dann gleich an der Stimmung. Die wenigen Englischen, die freuen sich dann, wenn ihnen ein lächelnder Wanderer entgegenkommt und die Ausländischen sind oft etwas abweisend, ja, ich dachte immer nur die Deutschen wären so muffelig, aber das stimmt nicht. Die Europäer sind muffelig, die Franzosen wie die Niederländer und die Schweden und die Dänen und was man hier so an Sprachen alles hört. Hier gibt es auch einige asiatische Touristen, die sind auch sehr verschlossen, manche nicht so, aber viele doch.

Ich sitze jetzt hier an einer besonders schönen Bucht an der aller südlichsten Westspitze von England, Und wenn man eine Weile hier sitzt und immer wieder hinschaut, dann wird die Aussicht immer schöner. Je länger man hinschaut, desto schöner wird es. Die Farben sind hier jetzt vom August geprägt. Das ist so ein trockenes Grün. Die lila Heide ist fast verblüht. Jetzt gibt es fast nur noch die gelben Blüten dazwischen und die hellgrauen Felsbrocken sind überwachsen mit vertrockneten Flechten. Alles ist grau-grün, ja, grau-grün ist die Farbe hier, grau-grün Farbtöne. Je länger hinschaut, desto schöner wird es. Ich wandere nun nach Osten, auch das ist ein Meilenstein für mich, wirklich. Wie vor Wochen an Hartland Point, dem Übergang von Devon zu Cornwall.

Jetzt blicke ich nach Osten und sehe von hier aus schon ganz hinten in der Ferne die Landzunge von The Lizard. Gerade ist mir die erste Eidechse über den Weg gelaufen. Der erste Lizard ist mir über den Weg gelaufen. Kurz vor dem Freiluft Theater Minnack werden es wieder viele Touristen, sehr viele Touristen. Vor allem ändert sich die Gattung. Da fragt man sich wirklich wie die auf den Küstenpfad kommen. Die sollten besser in Monaco oder sonst wo promenieren, auf einem schicken Boulevard oder so, keine Ahnung, flanieren statt auf dem Küstenpfad. Aber naja gut, das muss alles sein. Auf dem Weg zum Hotel noch schnell in den Lidl springen und etwas zum Abendessen holen. Kultur Schock im Konsum Tempel!

4. August – Heute Morgen habe ich den Bus nach Lamorna genommen und laufe von hier aus zurück bis zum Hotel in Penzance. Das ist die leichteste Strecke, die ich in dieser Woche habe und ich bin so müde, dass ich nur die Wahl hatte zwischen der leichtesten Strecke oder gar nicht laufen. Und gar nicht laufen hätte mir nicht gepasst. Ich hätte nicht gewusst, was ich den ganzen Tag in der Stadt tun soll. Heute ist Sonntag und die Busse fahren nur alle zwei Stunden, nicht mehr jede Stunde, und da passt es auch gut, wenn ich abends keinen Bus mehr erwischen muss.

Heute Nacht und heute Morgen hat es geregnet, aber jetzt klart es auf und ich laufe nach Osten. Also habe ich die Sonne im Gesicht und wahrscheinlich werde ich in den nächsten sechs Wochen die komplette Sonnencreme verbrauchen, die ich schon seit über zwei Monaten mit mir herum trage. Ich habe es auch schon gestern gemerkt, da war mein Gesicht wieder richtig rot und das ist nicht so gut. Lamorna ist winzig und es sind nur ein paar Leute hier.

Auf dem Küstenpfad ist noch niemand und üb es ist sehr schön. Aber nein, gleich hinter mir kommt jetzt eine Familie, eine achtfüßige deutsche Familie, die mit mir im Bus gewesen ist, und sie laufen wohl auch das Stück von hier aus in Richtung Penzance. Relativ bald erreicht man Mousehole, da fährt auch schon ein Bus, da gibt es viele Cafés und mit den kleineren vier Füßen dieser Familie ist das vielleicht eine ganz gute Option.

Mir ist immer noch schwindelig, aber es ist besser als gestern. Es geht heute nicht so steil bergauf – jedenfalls bis jetzt – das tut auch gut. Zwischen Lamorna und Penzance ist der Pfad auch waldig, was angenehm ist, denn es ist mittlerweile richtig heiß in der Sonne. Auch hier gibt es viele alte Bäumen, wie in Devon, aber es ist ein anderer Wald. In Devon, das war mehr so wie bei uns in einem alten deutschen Wald, aber hier gibt es auch viele subtropische Pflanzen dazwischen. Man kommt sich vor wie am Mittelmeer oder auf der Insel Korsika. Es riecht auch ein bisschen so nach dem Harz von den Bäumen, vorhin roch es nach Minze, ist wirklich sehr schön.
Statt der blühenden Rhododendronbüsche wie in Devon gibt es hier wilde, blühende, blau-leuchtende Hortensien, die an einem Bach entlang wachsen.

Da kommt die achtfüßige deutsche Familie wieder, nee, da will ich mal schnell in Deckung gehen. Die haben nämlich die Tendenz, ein bisschen anstrengend zu sein. Hier ist der Küstenpfad wieder fest in der Hand deutscher Touristen, muss man leider sagen. Einige haben schon eine tumbe Art, sind etwas ignorant gegenüber dem Leben, was um sie herum und außerhalb von ihnen auch noch stattfindet. Hier ist der Pfad auch wieder schmal und steil und ich fühle mich wieder verfolgt und in die Enge getrieben. Aber am nervigsten ist, dass sie lauter quaken als die Brandung des Meeres. Das ist schon echt unverständlich, wie man sich so verhalten kann, ununterbrochen.

Ich komme durch die Ortschaft Moushole. Es ist ein sehr hübscher Ort, ein bisschen touristisch nur und ist daher auch sehr angenehm. Hier genieße ich ein leckeres Mittagessen mit einem Smoothie und eine schlafende schwarze Katze leistet mir Gesellschaft. Der Rest der Strecke verläuft auf der befestigten Küstenstraße durch Newlyn bis Penzance.

5. August – Heute mache ich mit dem Wandern Pause und schaue mir Penzance an. Es ist ein schöner Ort, viele schöne Straßen und Gassen und sogar eine richtige Fußgängerzone. Die Läden hier sind klein und individuell. Keine Ladenkette mit riesigen Geschäften stört die sehr kreative Atmosphäre.

6. August – Heute starte ich die Wanderung wieder in Lamorna, das bedeutet erstmal 1,2 Kilometer auf der Straße in Richtung Küste laufen. Es ist eine ganz ruhige Straße, ich bin auch die Einzige, die aus dem Bus ausgestiegen ist, also ein herrliches menschliches Nichts um mich herum. Gestern Abend und heute Nacht hat es viel geregnet und es ist abgekühlt. Das ist sehr angenehm und die Luft ist ganz glasklar. Das ist auch sehr schön. Der Weg von der Hauptstraße runter nach Lamorna führt durch einen Wald mit schönen alten Bäumen, die mit Efeu überwuchert sind. Eine leuchtend grüne Wiese im Hintergrund. Gleich kommen wieder die blauen Hortensien, da sind sie schon. Ja, schön ist das. Und der Himmel ist ganz blau mit kleinen weißen Wölkchen.

Während der ersten Stunde ist die Wanderung ganz ruhig. Es ist kaum einer unterwegs und erst jetzt kommen mir ein paar Leute entgegen. Die Meeresbrandung ist hier nur ganz schwach, vielleicht ein Viertel von dem, was der Atlantik so kann. Man hört auch gar nicht einzelne Wellen schlagen, sondern nur ein Rauschen im Hintergrund wie von einem Gebirgsbach. Ein bisschen fehlt mir die Brandung vom Atlantik. Das war schön, es war so Geräusch, was den Kopf einfach leer macht, etwas, was die Sorgen, Gefühle, Gedanken ein bisschen ausgeglichen hat, als ob die Brandung durch den Kopf schwappt. So, das war sehr schön, hat gut getan. Vom 19. Mai bis zum 2. August etwa war ich am Atlantik. Neun Wochen, eine schöne lange Zeit.

Ich habe jetzt hier ein schattiges Plätzchen direkt unten am Meer gefunden, wo ich Pause machen kann. Wenn ich jetzt ganz geradeaus aufs Meer schaue, dann ist es auf der anderen Seite Frankreich, die nordwestlichste Ecke von Frankreich. Das Meer macht hier winzige Wellen. Es sind eigentlich gar keine Wellen. Es ist schon sehr ein Gefühl wie am Mittelmeer hier. Die Höhe des Breitengrades hier ist ja auch ungefähr von wie die von Paris, also ist es hier ja auch südlicher als Köln. Nun laufe ich wieder durch schönen, alten, Efeu überwachsenen Wald. Hier drin ist es kühl, herrlich ist das. Farn wächst hier und blaue Hortensie. Hier wächst auch viel Riesengras oder so was ähnliches wie Bambus.

Die Brandung ist hier so schwach, das Meer so still: Vorhin kam ich in einem kleinen Tal vorbei, da floss das Wasser vom Berg herunter und der winzige kleine Wasserfall war so viel lauter als die Brandung vom Meer. Das war schon komisch. Und das Meer hat hier auch eine ganz andere Farbe. Auf der Atlantikseite war es so bleiblaugrau oder richtig stahlblau, so leuchtenblau. Aber hier ist es, trotz schönem Wetter, schwarzblau, ganz dunkel. Direkt hier an der Küste kann man gar nicht runterschauen bis in die Tiefe, ich kann gar nicht ausmachen, ob das jetzt wirklich so tief ist oder ob irgendwas in dem Wasser ist, das die Farbe so macht. Es sieht aus, als wäre es gleich direkt 30, 40 Meter tief. Man kann gar nicht bis zum Grund schauen.

Vor mir im Meer ist eine kleine Felseninsel mit vielen kleinen Spitzen und auf jeder kleinen Spitze ist ein weißer Tupfen und da sitzt eine Möwe und genießt die Nachmittagsruhe, macht dann wohl jetzt Mittagsschlaf. Es sieht ganz süß aus. Kurz vor Porthcurno, von wo ich den Bus nach Penzance zurücknehme, da gibt es wieder richtige Wellen und die gewohnte Brise. Der Bus hat Verspätung, was gut für mich ist, dann erwische ich ihn noch.

Heute habe ich auch meine erste „adder“ gesehen. Eine adder ist eine Kreuzotter und die einzige giftige Schlange in GB. Mich hat sie zum Glück nicht gebissen, sie ist ziemlich hektisch vom Weg weggekrochen, aber sie wirkte irgendwie angeschlagen, als ob sie müde wäre oder nicht so ganz auf der Höhe. Und dann musste sie noch bergauf krabbeln, um von mir wegzukommen, also ans Beißen hat sie in dem Moment wohl nicht gedacht.

7. August – Ich laufe von Marazion nach Praa Sands, ca. 10 km. Es ist heute kühl und bewölkt. Es hat auch wieder viel geregnet. Das Meer ist immer noch ganz ungewohnt leise. Immer noch wie das Mittelmeer. Das wird sich jetzt wohl auch nicht mehr ändern. Die
Luft riecht nach Kräutern, mehr wie im Süden von Mitteleuropa, als wie an der Atlantikküste. Ich weiß gar nicht, ob mir das so gefällt. Das bedeutet ja auch, dass ich bald nach Hause komme, dass diese wunderbare Reise ein Ende hat.

Und da bin ich noch gar nicht bereit für. Es hat sich so viel für mich verändert. Mein Körper ist wieder zusammengewachsen: Beine, Becken, Rücken,
alles Teile, die jedes für sich genommen kaputt sind, krank und schmerzhaft vom Sitzen, 45 Jahre Sitzen im Büro, davor die Schulzeit, auch nicht besser. Durch das viele regelmäßige Wandern über Stock und Stein ist es wieder ein einheitlicher Körper geworden. Zwar immer noch schmerzhaft, oft müde, aber eine Einheit. Also ich kann mich von meinen Füßen bis zum oberen Teil des Beckens als eine Einheit spüren. Vorher waren es einfach unterschiedliche Teile, die irgendwie miteinander funktioniert haben, wenn ich sie überhaupt gespürt habe. Also hat sich viel verändert.

Ich habe wieder viel Jugendlichkeit zurückgewonnen und meine Seele, meine Psyche, mein Geist haben viel von den Beschränkungen abgelegt, die ich mir in den 45 Jahren disziplinierten Arbeitengehens, das ich mir auferlegt habe, angewöhnt hatte. Und die sich auch richtig reingefressen haben bis hin zur Depression und zur Selbstzerstörung, sogar bis zum Selbsthass. Das ist auch viel besser geworden, aber ich bin noch nicht zufrieden. Da geht noch viel mehr. Es sind erst die äußeren Schichten, die sich regenerieren. Innen drin sind immer noch die Erfahrungen von unterdrückt werden, ausgeliefert sein, Angst haben (vor Kündigung, Wohnungsverlust, Armut), hilflos sein.

Diese Erfahrungen sind immer noch so präsent und wirken in mein Sein hinein und die Wirkung ist auch noch nicht angekratzt, aber ich verstehe schon, dass das nicht alles auf einen Schlag geht. Die Veränderungen, die ich bis jetzt erreicht habe, die muss ich ja jetzt auch erstmal konsolidieren. Dafür habe ich nun den Winter zu Hause in meiner Wohnung und die Hilfe der Therapien, die ich mache. Und nächstes Jahr starte ich ja dann wohl ganz anders in die Wanderung, in das Wanderleben.

Und ja, jetzt bin ich in Marazion, hab den ganzen Tag mit 10 Kilometer Küstenwanderung vor mir. Es ist eine sanfte Küste, eine milde Küste, wenig Steigung und der Pfad ist nicht steinig, sondern federnd und weich. Und die Luft ist mild. Es ist noch wenig Verkehr auf dem Küstenpfad. Es ist hier nun so unbeschreiblich anders als auf dem Pfad noch vor fünf, sechs Tagen. Das kann man gar nicht fassen, diesen Unterschied der Landschaft. Aber es ist auch schön, so subtropisch.

Wenn ich mich erst mal dran gewöhnt habe und nicht mehr das Gefühl habe, hier zu ersticken, weil es mich an früher und an meine Vergangenheit erinnert, dann glaube ich, werde ich hier den Teil der Strecke auch sehr genießen, soweit ich eben bis Ende September komme. Der Geruch des Meeres hier, der erinnert mich an meine vielen Urlaube an der Nordsee in der Zeit zwischen 30 und 40 Jahren. Und hier riecht es genauso.

Wie auf dem Kontinent gehören hier einige Stellen direkt an der Küste Privatleuten und da geht dann kein Coastal Path entlang. Der wird dann über Land herumgeführt. Das ist schade, doch das ist schade. Es war sehr schön an der Atlantikseite, dass die Leute, denen der Besitz bis an die Küste gehört, einen trotzdem haben da drüber laufen lassen. Hier ist das anscheinend nicht so. Hier muss man immer wieder über Land um die Besitztümer der Glücklichen, die hier leben, herumlaufen.

So, jetzt komme ich langsam aus dem dünn besiedelten Gebiet hinter Marazion raus und hier endet auch die große Bucht, an deren Ende Penzance liegt. Hier wird die Brandung wieder stärker, nicht so stark wie am Atlantik, aber zumindest hört man das Meer wieder richtig laut und die Luft wird auch wieder frisch und salzig. Auf der Höhe von Prussia Cove: Ich kann mir nicht vorstellen, wie es dazu kommt, aber hier wächst überall Kohl am Wegesrand. Alte, kräftige, mehrjährige Kohlpflanzen. Es riecht nach Kohl, aber ich sehe auch keine Knollen oder was man vom Kohl essen würde, aber die Blätter sind wie vom Kohlrabi. Und ja, man riecht den Kohl.

Praa Sands hat einen schönen Beach und entsprechenden Tourismus. Ich hole mir einen Orangensaft und warte auf den Bus zurück nach Penzance, diesmal den Linienbus, nicht den Touristen Bus. Kurz vor Penzance ist Stau und zum ersten Mal seit fast drei Monaten stehe ich im Stau. Was für eine sinnlose Beschäftigung ist das denn? Ich will anfangen mich zu ärgern (aus Gewohnheit) und spüre um mich herum, wie die einheimischen Passagiere sich entspannen. Gut, dass ist wohl der beste Weg, damit umzugehen, man muss es allerdings auch können.

9. August – Heute ist Freitag und ich wechsle meine Unterkunft. Seit gestern fühle ich mich wie gelähmt. Ich hatte nicht richtig Angst, aber ich konnte mich auch überhaupt nicht auf die Außenwelt einlassen. Also, ich hab einfach im Bett gesessen, die Decke über den Kopf gezogen und gar nichts gemacht. Vielleicht hatte ich eine Vorahnung, denn als ich heute Morgen dann mit Sack und Pack, also mit meinem 10-Kilo-Rucksack auf dem Rücken zum Bus bin, kam eine nette Frau zu mir und sagte, heute streiken die Busse.

Dann habe ich ein bisschen im Internet recherchiert und ein älterer Herr kam und sagte, heute streiken die Busse. Ich bin erstmal zu Fuß in Richtung Busbahnhof Penzance gegangen in der Hoffnung, dass dort vielleicht doch noch irgendwas fährt. Und auf dem Weg dahin hielt ein Taxi, aus dem eine junge Dame ausstieg und da habe ich ganz schnell entschieden, jetzt nimmst du das Taxi und fährst damit nach Praa Sands, dann kannst du von dort aus die Wanderung wie geplant nach Porthleven machen, und heute Nachmittag sehe ich dann, wie es weiter geht. Ja, und so habe ich es auch gemacht. So eine schnelle Entscheidung ist wegen meiner psychischen Erkrankung wirklich schwierig für mich. Umso besser war die anschließende Erfahrung: Ich hatte einen sehr netten Taxifahrer, wir haben uns gut unterhalten. Die Fahrt hat nur 30 Pfund gekostet, das ist okay.

Es hat heute Nacht geregnet und jetzt klart es langsam auf. Auf dem Meer sind Flecken von Sonne zu sehen und es sind auch einige an Leuten auf dem Küstenpfad unterwegs. Sie scheinen alle Spaß zu haben. Ich hatte gehofft, dass, wenn der Bus nicht fährt, auch keiner hier draußen ist, aber die kommen ja nicht alle mit dem Bus, eher die wenigsten. Das Wandern mit dem Rucksack läuft ganz gut, obwohl er wieder sehr schwer ist, so wie ganz am Anfang. Aber jetzt nach drei Kilometern geht’s langsam, ich gewöhne mich wieder daran. Und es macht auch wie am Anfang wieder Spaß, alles mit dabei zu haben, nicht zurück zu müssen und einfach ungebunden in die unbekannte Zukunft zu gehen.

Wenn ich die Küste entlang nach Südosten schaue, dann kann ich schon den Ort sehen, wo ich hinwandere: Porthleven und die Spitze von der südlichsten Landzunge von Großbritannien, den Lizard, die kann man auch schon ganz gut erkennen. Die Wolkendecke hat mittlerweile Löcher bekommen. Weiter hinten ist ein riesiger blauer Fleck am Himmel, es wird vielleicht noch richtig schön und es sieht alles wieder sehr schön aus. Hier duftet es ganz intensiv und süß nach Blumen, aber ich kann nicht sehen, woher das kommt. Was ich sehe, ist Stechginster und Heide und die kleine gelben Blüten, die hier überall wachsen. Es duftet so doch lecker nach wunderbarer Blume: ich weiß nicht, woher das kommt.

Jetzt habe ich gerade zuerst einen steilen Abstieg und dann einen steilen Aufstieg mit meinem schweren Rucksack hinter mich gebracht und bin heil oben angekommen. Hier ist ein Stein mit einer Stufe, auf dem ich gut sitzen kann und mein Rucksack wird abgestützt. Und ich bin so glücklich. Die Sonne kommt raus, jetzt schmier ich mir Sonnencreme ins Gesicht.
Ich genieße das Meer, die dunkle, blau-schwarze Farbe, die das Meer hier hat, die Brandung, die es hier wieder ein bisschen gibt, die Felsen und sonst nichts. Nur Möwen, Möwen wohnen hier. Es ist so gut, einfach nur diese paar Dinge so intensiv zu erleben. So ist es, lebendig zu sein.

Ich komme recht früh in Porthleven an, so gegen 14 Uhr, und kurz vor Porthleven finde ich eine schöne Bank direkt am Meer. Da sitze ich jetzt. Und da bleibe ich auch sitzen. Die Sonne scheint wunderbar und es herrscht eine herrliche Harmonie und Ruhe hier. Ab und zu kommt mal jemand vorbei und dann ist lange wieder nichts. Das Meer ist irgendwie klein, ähnlich wie das Mittelmeer. Es fühlt sich ganz heimelig für mich an, denn als Kind war ich mit meinen Eltern oft am Mittelmeer. Wolken ziehen vorbei, aber die Sonne kommt immer wieder durch und wärmt. Sie wärmt die Knochen durch. Es ist nur schön, sonst nichts.

Ich kann erst um 17 Uhr in meine Unterkunft in Helston. Von Porthleven scheint der Bus nach Helston zu fahren. Vorhin wurde eine Fahrt in der App Go Cornwall Bus angezeigt. Das werde ich gleich mal genauer ausforschen. Aber erstmal bleibe ich noch hier in der Sonne sitzen und lass die Wolken vorbeiziehen. – Aber nein, der Bus fährt nicht und ich muss zusehen, dass ich ein Taxi bekomme. Erst versuche ich es mit trampen, aber niemand hält. Gerade als ich ein Taxi anrufen will, kommt eins vorbei gefahren und nimmt mich mit. Ich habe so oft Glück.

10. August – Der Bus ist immer noch on strike und also wandere ich von Helston aus sechs Kilometer durch die Landschaft bis an die Küste und dann nochmal sieben Kilometer an der Küste entlang. Dann erreiche ich einen Ort, wo eine andere Bus Company operiert, und von dort aus komme ich dann mit dem Bus wieder zurück nach Helston, so hoffe ich.

Es ist sehr schön, mal wieder über Land zu gehen. Das ist was ganz, ganz anderes als direkt an der Küste entlang. Die Luft ist hier natürlich auch sehr schön, es ist alles Grün und es gibt viele Bäume und den Duft nach Erde und Pflanzen. Heute ist es sehr nebelig, manchmal gibt es ein bisschen Nieselregen, aber es ist nicht kalt. Nach einer langen Wanderung über Land komme ich an der Küste an und hier ist es nun total neblig, man kann höchstens 50 Meter weit sehen.

Das erinnert mich an meine früheren Urlaube an der Nordsee. Vor etwa 25 Jahren war ich oft an der Nordsee, da bin ich im November im Nebel am Watt entlang spazieren gegangen. Es ist schön, so mitten im weißen, nebeligen Nichts zu sitzen, es gibt nur ein kleines bisschen Land und Meer um mich herum. Aber es ist auch beängstigend, als ob der Rest der Welt um mich herum verschwunden wäre. So sehr ich mir oft wünsche, dass die Welt verschwindet, wenn es jetzt wirklich so wäre oder es sich auch nur so anfühlt, dann macht es mir auch wieder Angst.

12. August – Nach meinem Ruhetag gestern bin ich heute recht früh aufgestanden und habe schon meine Italienisch-Lektionen gemacht und Yoga geübt. Dann
habe ich gefrühstückt und bin zum Bus geflitzt, habe den auch erwischt und dabei erst zu spät gemerkt, dass ich meinen Tagesrucksack vergessen habe. Ich habe nichts zu trinken mit und nichts zu essen. Aber ich konnte nicht mehr umkehren, denn dann hätte ich den Bus verpasst und eine Stunde warten müssen. Und das wollte ich nicht.

Ich bin also wie geplant in Poldhu Cove angekommen. Hier gibt es ein Beach Café, da habe ich mir erst mal eine Flasche Wasser geholt. Und jetzt habe ich eine schöne Bank gefunden und fange an, das Wasser zu trinken. Ich habe ja keinen Rucksack, in dem ich die Flasche mitschleppen kann, aber ich habe die großartige Outdoorhose mit den riesigen Beintaschen. Wenn die Flasche nicht mehr voll ist, dann kann ich die da gut einstecken.

Also die Küstenlandschaft hier am Lizard ist wirklich ganz besonders. Ich war ja am Samstag schon von Porthleven bis Poldhu Cove an der Küste unterwegs, aber da war es ja so neblig, da habe ich kaum etwas gesehen. Heute ist es noch sehr bewölkt, ganz grau, aber nicht mehr neblig, man kann die Küstenlandschaft gut erkennen. Hier ist es wieder ganz anders als an Land’s End und sogar noch schöner. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es noch schöner geht, es geht aber. Ich bin insgesamt drei Tage hier unterwegs und hoffe, dass einmal noch die Sonne rauskommt, weil diese Landschaft bei Sonnenschein bestimmt paradiesisch schön ist.

Im Moment habe ich eine Unterkunft via Airbnb. Es ist ein kleines Zimmer, privat bei einer Frau im Haus und die Frau ist genau wie ich spätdiagnostizierte Autistin. Sie ist, glaube ich, Anfang 60 und hat ihre Diagnose gerade erst bekommen, also ist sie noch zehn Jahre später dran als ich. Und sie ist wie ein Spiegel für mich, sie zeigt mir, wie ich mich damals vor 15 Jahren direkt nach der Diagnose noch verhalten habe, also vor meinen langen, gezielten Therapien. Und wie ich mich gegeben und gefühlt habe. Es gibt es so viele Übereinstimmungen, so viele Ähnlichkeiten, was den inneren Stress angeht, das Verhalten, ich kann das gar nicht so einfach beschreiben.

Auf jeden Fall weckt das auch viele Erinnerungen in mir und vieles davon habe ich noch gar nicht verdaut und das kommt jetzt auch wieder hoch. Deswegen war ich wohl heute morgen auch so verwirrt, dass ich meinen Rucksack vergessen habe. Das ist eigentlich untypisch für mich. Ich bin da auch hin und her gerissen. Einerseits will ich gar nicht bei der Frau in dem Haus sein, weil ich will mich meiner eigenen dunklen Seite nicht stellen will und andererseits ist es natürlich super, das jetzt einmal so von außen zu sehen. Eine sehr seltene Gelegenheit, die vielleicht so nie wieder kommt.

Und für sie kann es ein bisschen so wie eine Art Hinweis sein, wie es werden kann, wenn man die Diagnose hat und die richtige Therapie bekommt. Eine, die wirklich zu der Erkrankung passt, etwas, was ja bei spätdiagnostizierten Autisten vorher nie gegeben ist. Und ich glaube ein bisschen hat sie auch was davon, dass ich die Welt wie sie erlebe und ich den Weg wie sie gehe. Ja, und sie hat ein goldenes Herz, wirklich, sie ist schon ein sehr lieber Mensch und es gibt keinen Grund nicht bei ihr sein zu wollen. Es ist vielleicht, weil ich mir meine eigene Scham über mein unangepasstes Verhalten und die Unfähigkeit, mich anzupassen und einzupassen, nicht eingestehen kann. Diese Scham, der kann ich mich nicht so ohne weiteres stellen, das ist wirklich nicht einfach.

Die Strecke von Mullien bis Lizard ist wunderschön, während der ersten sechs bis sieben Kilometer sieht man ganz tolle Felsformationen und jetzt laufe ich auf von Pferden und Rindern beweideten Hochplateaus. Das ist auch absolut schön. Die Tiere sind so frei, sie haben Raum sich zu bewegen, wie sie es für richtig halten. Das Meer ist hier nicht wild wie am Atlantik und darum herrscht eine wunderbare Stille hier oben. Die Gegend ist auch nicht so zersiedelt wie sonst bisher. Hier sieht man wirklich Landschaft. Auf dem Ärmelkanal fahren riesige Frachtschiffe entlang, aber doch so weit draußen, dass sie das Bild nicht stören.

Hier ist wieder eine Stelle, wo es unglaublich lecker und ganz süß nach Blumen duftet. Hier wächst aber nur Heidekraut und Stechginster. Die kurze Variante, so 20-30 cm hoch höchstens. Da scheint es wohl wirklich die Heide zu sein, die so toll duftet. Die Sonne ist noch herausgekommen und es ist wirklich unfassbar schön hier. Es sieht unbeschreiblich schön aus und ich habe Glück, dass die Sonne nicht brennt, denn ich habe meinen Sonnenhut zusammen mit meinem Tagesrucksack in meiner Unterkunft vergessen.

Ich habe jetzt nicht mehr viel Weg vor mir, wahlweise noch drei bis fünf Kilometer, dann komme ich wieder an der Bushaltestelle an. Es ist erst 14.30 Uhr. Ich gehe jetzt nur noch ganz, ganz langsam und genieße jede Sekunde. Vor mir liegt nun der kleine Ort Lizard und von hier aus sehe ich auch schon die Blechlawine der Touristen Mobile, die Touristen drängeln sich unten auf einem winzigen Stück Sandstrand alle zusammen. Landschaftlich ist es unfassbar schön, aber die Touristen sind irgendwie nicht so schön, jedenfalls passen sie nicht wirklich hierher.

Hier am Lizard ist ein Naturreservat. Hier laufen Rinder, Pferde oder Ponys und Ziegen frei, was sehr schön ist und sehr zufriedene Tiere macht. Eine sehr schöne Landschaft entsteht so und der entsprechende Duft dazu. Kurz vor dem Massenauflauf habe ich den Küstenpfad verlassen und gehe landeinwärts auf kleinen Wanderwegen Richtung Bushaltestelle und hier ist kein Mensch unterwegs, hier ist nur diese fantastische Landschaft. Das Meer höre ich noch im Hintergrund, manchmal sehe ich es auch. Dann bin ich in dem Ort Lizard angekommen und der Bus ist mir vor der Nase weggefahren. Jetzt habe ich eine Stunde Zeit und richtig Hunger und jetzt gucke ich, dass ich was zu essen und noch etwas zu trinken kriege.

13. August – Ich bin wieder in Lizard angekommen, habe gemütlich Kaffee getrunken und jetzt gehe ich runter zur Küste auf die östliche Seite der kleinen südlichsten Landzunge von Großbritannien. Es regnet ein bisschen, heute soll es den ganzen Tag so bleiben: Nieselregen, mal sehen wie es wird. Und so gibt es heute auch nicht viel zu erzählen. Das Wetter ist ganz diesig, dazu ununterbrochener Sprühregen bis Nieselregen. Es ist kaum jemand auf dem Küstenpfad und dadurch herrlich ruhig auf einer wunderschönen Strecke zwischen den beiden Örtchen Lizard und Kuggar und ich überlege ernsthaft, ob es nicht eine gute Idee ist, im November einmal wieder her zu kommen. Weil es auf dem Pfad so schön still ist bei diesem Wetter.

Gegen 14 Uhr erreiche ich Cadgwith und es fängt richtig an zu regnen. Ich könnte von hier aus eine Bushaltestelle erreichen oder aber noch drei Kilometer weiter gehen und dann den Bus wie geplant in Kuggar nehmen. Meine Beine und die Füße sind schon ganz nass, da kann ich ebenso gut weiter gehen. Gleichzeitig mit der Entscheidung hört der Regen wieder auf. Den nächsten Bus in Kuggar sollte ich locker schaffen und so ist es auch.

Oder eher fast so: Ich bin eine halbe Stunde zu früh und in 10 Minuten soll der Bus in die Gegenrichtung kommen, zurück Richtung Lizard. Da die Busse hier im Kreis fahren, könnte ich mich ebenso gut in diesen setzen, ich würde nur nicht eher in Helston in meiner Unterkunft ankommen. Sondern stattdessen länger im Bus sitzen. Leider hat dieser Bus eine halbe Stunde Verspätung, was allerdings auch bedeutet, dass der nächste Bus nach Helston ebenfalls mindestens eine halbe Stunde zu spät sein wird. Denn es ist ja derselbe Bus.

Ein Pärchen ist inzwischen ebenfalls pitschnass aus Richtung des Küstenpfades aufgetaucht und wir beschließen, den Busfahrer zu fragen, ob wir einsteigen dürfen, auch wenn wir nach Helston und nicht nach Lizard wollen. Und der freundliche Fahrer winkt uns einfach durch. Die Fahrt nach Helston kann sein System noch nicht buchen und für die Fahrt bis Lizard sind wir wohl aufgrund der Verspätung eingeladen. Zufrieden sitzen wir im Bus und machen eine ungeplante Siteseeing Tour durch das schöne verregnete Cornwall. In Lizard dann dürfen wir unsere Fahrt nach Helston endlich bezahlen. Die Briten sind ein erstaunliches Volk mit einer ganz besonderen Begabung, unangenehme Umstände in besondere Momente zu verwandeln. Eine sehr charmante Form zwischenmenschlicher Magie.

14. August – Heute morgen wache ich auf, der Himmel ist ganz blau und es wird ein strahlend schöner Tag.
Mit dem Bus fahre ich zurück nach Kuggar. Ich nehme den Bus nach Lizard und steige in Kuggar aus, um von dort aus nach Coverack oder vielleicht sogar etwas weiter zu wandern, also weiter Richtung Osten. In Kuggar steht das gleiche Pärchen wie gestern. Ich habe extra einen Bus früher genommen, weil die Busse in Coverack nicht so oft fahren und ich will nicht mit dem Bus um abends sieben dort weg und dann erst um neun in der Unterkunft sein. Und nun steht da jetzt dieses Pärchen von gestern wieder an derselben Stelle. Sie sind doch gestern Nachmittag mit mir nach Helston gefahren. Ich habe keine Ahnung, wie sie es geschafft haben, heute Morgen so früh wieder an die Bushaltestelle in Kuggar zu kommen. Und da, wo ich jetzt ausgestiegen bin, sind sie in den Bus nach Lizard eingestiegen. Wir haben uns enthusiastisch begrüßt, mit Begeisterung über das herrliche Wetter und ja, über die Komik, dass sie da schon wieder stehen, wo sie gestern auch schon standen. Ob das wohl Teil der britischen Magie ist?

Ich bin jetzt schon eine Stunde auf dem Küstenpfad gewandert. Bis jetzt ist es ganz ganz still hier draußen und der Pfad ist wirklich auch wieder ein Traumpfad, wunderschön. Von hier aus habe ich jetzt die Wahl noch entweder sieben Kilometer weit zu wandern, was nicht so viel ist, oder 14 Kilometer, was sehr viel ist. Ich werde sehen, wie es mir in sieben Kilometern geht. Wenn ich die 14 Kilometer nicht gehe, dann werde ich das Stück Küstenpfad auslassen müssen, da ich morgen Pause machen muss und am Freitag in die Unterkunft in Falmouth wechseln werde. Und von Falmouth erreiche ich die Strecke hier nicht mehr, die Busse fahren von dort aus nur bis Helford Passage.

Ich bin jetzt anderthalb Stunden unterwegs und erst jetzt begegnet ist mir der erste Mensch auf dem Pfad. Das war schön für mich, die anderthalb Stunden Einsamkeit. Es würde sich lohnen, immer den frühen Bus zu nehmen, aber dann schaffe ich mein morgendliches Yoga-Programm nicht. Und ohne mein Yoga-Programm funktioniere ich nicht. Dann bin ich körperlich schnell am Ende. Das ist ein Problem, das ich lösen könnte, indem ich morgens um vier statt um sechs Uhr aufstehe, aber so weit bin ich noch nicht.

Die Strecke zwischen Kuggar und Coverack ist auch traumhaft schön. Es ist wieder etwas wilder, nicht so niedlich wie am Lizard, mehr wie die Felsenküste auf der Atlantikseite. Hier gibt es kaum Strände, dementsprechend fehlt die touristische Infrastruktur und so finden sich auf dem Pfad auch nur echte Naturliebhaber und Outdoor-Fans. Es sind natürlich weniger, was sehr gut ist. Und sie sind stiller, zurückhaltender und höflicher, achtsamer.

Mir ist in den letzten Wochen aufgefallen, dass mir nach ca. acht Kilometern Wanderung immer die Füße wehtun und mich stört auch, dass ich mit den Füßen immer so aufplatsche. Kein Körperteil bewege ich so achtlos wie die Fußsohlen. Und wenn ich bedenke, dass jeder Fuß pro Minute ungefähr 50 Mal mein Gewicht von ca. 60 Kilo aufnehmen muss … und ich lasse das Gewicht einfach so auf dieses diffizile, komplexe Knochengebilde drauf fallen, dann ist es kein Wunder, dass die Füße weh tun. Also überlege ich mir, etwas an meinem Gang zu ändern.

Jetzt gehe ich achtsamer, also eigentlich ist es fast wie Gehmeditation. Der Fuß klatscht nicht mehr so auf die Erde auf. Für die Füße ist es toll, aber es ist natürlich sehr anstrengend für den ganzen Körper. Er muss sich selber halten und kann das Gewicht nicht auf den Fuß fallen lassen. Ich merke es schnell im Rücken und den Schultern. Aber die Füße und besonders auch die Fußgelenke fühlen sich besser an. Und ich bin viel leiser. Das ist auch schön. Ich merke, dass sich meine Bewegungsabläufe nochmal verändern. Ich habe es ja anfangs der Wanderung mit dem Knie gehabt und meine Bewegungsabläufe an das Knie angepasst. Und es tut ja auch jetzt kaum weh, das war erfolgreich. Zwar spüre ich es manchmal, aber wenn ich dann wieder bewusst gehe, dann geht das wieder weg und ein gesundes, starkes, heiles Gefühl stellt sich ein.

Die Veränderung, die jetzt eintritt, bewirkt, dass der Gehvorgang an der Fußsohle beginnt und nicht im Kopf. Das ist ganz interessant. Ich denke, vor 20.000 oder auch 2 Millionen Jahren ist der aufrechte Mensch ohne schützende Schuhe durch eine ungezähmte Wildnis gelaufen, ohne Wege zu haben, die einfach zu gehen sind. Sie sind mit mit nackten Füßen durch die Wildnis gelaufen und mussten gleichzeitig aufpassen, dass die Beute nicht entkommt, dass sie nicht gehört werden, dass sie die Löwen rechtzeitig entdeckt und dass sie ihre Horde nicht verlieren.

All diese Dinge funktionieren natürlich nur, wenn der Kopf frei ist und nicht mit Gehen beschäftigt ist, wenn der Bewegungsablauf des Wanderns von den Füßen aus gesteuert wird. Auch hat der Rest des Körpers dann ganz andere Möglichkeiten zu reagieren. Ich bin mal gespannt, wie es sich entwickeln wird. Jetzt ist es wahnsinnig mühsam und ich komme nur langsam vorwärts. Aber es ist natürlich auch sehr lustig, diese Erfahrung. In ein paar Wochen hat sich vielleicht schon was geändert.

Jetzt habe ich den Lizard landschaftlich ganz eindeutig hinter mir gelassen. Ich stehe jetzt kurz vor Coverack, noch etwa 2,5 km, und schaue nach Osten. Die Küste wird wieder flacher und der Ärmelkanal ist voll mit kleinen Segelbooten und Frachtschiffen. Und auch das Bild hat seine ganz eigene Schönheit. Es ist jetzt erst 14.15 Uhr und ich bin schon in Coverack angekommen. Ich werde es auch nicht schaffen, bis Porthallow weiter zu wandern, weitere sieben Kilometer. Die neue Gangmethode ist sehr anstrengend und ich bin schon ziemlich müde. In einer Stunde fährt der Bus von hier aus nach Helston. Vielleicht genug Zeit, sich noch etwas zu essen zu besorgen.

Coverack ist ein sehr angenehmer Ort. Hier gibt es keinen Sandstrand und dementsprechend ist auch der Tourismus ein ganz anderer. Es gibt sehr schöne gepflegte kleine urwüchsige Cottages, schöne Gärten, wenig Menschen. Das bei diesem herrlichen Sonnenschein ist ein Traum. Bis jetzt ist mir noch nichts touristisches begegnet, allerdings auch nichts zu essen. Ich hoffe ich finde noch was, aber es wird sicher etwas geben. Ein Blaubeer-Bananen-Kokosnuss-Smoothie und eine Käsestange zum Verzehr an der Bushaltestelle finden sich dann doch.

Vor der Bushaltestelle gibt es Bänke mit Blick auf die Bucht von Coverack und auf dem Kiesstrand tummeln sich glückliche, ruhige Touristen. Touristen, die sich dem Badevergnügen hingeben oder Stand-Up-Paddling machen und mit Windsurfen oder kleine Boote haben. Es ist beschaulich hier. Coverack ist ein toller Ferienort, finde ich. In wenigen Minuten kommt der Bus, also hier hätte ich ruhig noch eine halbe Stunde länger gewartet, Aber vielleicht kommt der Bus ja auch hier heute zu spät. Mal gucken.

16. August – Heute ziehe ich weiter, von Helston nach Falmouth. Dazu fahre ich mit dem Bus nach St. Keverne, laufe von dort 2,5 km bis Porthallow über Land zur Küste und sitze nun hier an der kleinen Bucht von Porthallow. Hier befindet sich der Midway-Marker des South-West-Coast-Paths. 517 Kilometer sind es bis hierher, die Hälfte des Weges geschafft.

Ich bin heute ganz früh aufgestanden, denn der Weg von Helston bis Falmouth ist kompliziert. Die Busfahrt hierher war schon mit Umsteigen verbunden. Über den Coastal Path komme ich von Porthallow bis Helford. Das liegt direkt an dem Fluss Helford. Von dort aus muss ich die Fähre nach Helford Passage nehmen. Und die fährt nur bis viertel vor sechs. Also muss ich rechtzeitig in Helford sein, damit ich nach Helford Passage komme, um von Helford Passage den letzten Bus (spätestens um halb sieben) nach Falmouth zu bekommen. Also, für mich ist das sehr abenteuerlich.

Und dieser Streckenabschnitt ist irgendwie ein bisschen durcheinander. Da gibt es Umleitungen, weil der Pfad hier wohl Reparaturen unterliegt. Es werden mehrere Routen für den South West Coast Path angezeigt. Und man weiß nicht, welcher Weg welche Qualität hat. Da ich den Weg noch nicht kenne und ich auch gleichzeitig den 10-11 Kilo Rucksack auf dem Rücken habe, möchte keine Experimente machen. Ich wähle also die kürzeste Strecke.

Bald kann ich über den Hügelrücken vor mir schon mein Ziel Falmouth sehen, aber das ist noch eine ordentliche Strecke bis dahin. Der Weg von Porthallow nach Helford führt von der Küste weg über Land, über Weiden mit jungen Bullen oder auch alten Bullen und über Wiesen, durch ganz dunkle alte Wälder, auch mal stückchenweise durch Farmen und kleine Weiler hindurch. Bis jetzt ist mir noch niemand begegnet. Ich bin jetzt zweieinhalb Stunden unterwegs, habe fünfeinhalb Kilometer gemacht und ich laufe in einer für mich wunderbaren Stille.

Es gibt eigentlich nicht viel zu sehen, die Strecke eignet sich gut, um nachzudenken. Genauso gut könnte man auf dem Sofa sitzen und nachdenken.
Aber es ist halt von viel besserer Lebensqualität, dabei durch diese Landschaft zu wandern. Der Körper ist wie ein Tier, das Bewegung und Auslauf braucht und frische Luft. Der Kopf braucht immer seine Beschäftigung, aber der Körper eben auch. Beim Wandern kann sich das gut verbinden.

Hier entspringt auf dem Waldweg eine Quelle und jetzt teilt sich der kleine Bach den Weg mit den Menschen. Auf der einen Seite fließt der Bach und auf der anderen Seite ist noch ein schmaler Pfad, wo wir langlaufen können. Das ist irgendwie auch so harmonisch-demokratisch und britisch.

Inzwischen habe ich schon etwas mehr als die Hälfte geschafft und sitze auf einer sehr, sehr schönen Bank über einer Bucht zum Ärmelkanal hin mit einer herrlichen Aussicht. Unten sind viele Segelschiffe festgemacht und hier gibt es so keinen Tourismus in dem Sinne, es ist eher eine private Feriengegend.

Für die letzten 5,5 Kilometer habe ich jetzt noch ungefähr sechs Stunden Zeit und die werde ich jetzt bei dem schönen Wetter gemütlich vertrödeln. Unterwegs kriege ich vielleicht noch was zu essen. Das wäre schön, sich nochmal gemütlich irgendwo hinsetzen. Also diese Aussicht hier ist einfach unbeschreiblich schön. Ich mache zwar ein Foto, aber ob es das dann auch wieder gibt, man weiß es nicht. Das Beste ist schon, selber unterwegs zu sein.

Ich komme recht früh in Helford an (es gab keine Gelegenheit mehr, sich irgendwo hinsetzen) und die Fähre mit dem anschließenden Bus stellt sich als unproblematisch heraus. Bei schönstem Wetter erreiche ich Falmouth und kann dort noch in Ruhe essen gehen. Falmouth ist sehr schön, ich fühle mich auf Anhieb wohl. Auf dem Platz The Moor wird Musik gemacht und Kunst zum Kauf angeboten.

Meinen schweren Rucksack habe ich 14 km weit getragen, das ist Rekord für mich und ich bin so müde, dass ich schon um sieben Uhr abends einschlafe. Auch sehr ungewohnt für mich, normalerweise werde ich von Einschlaf-Störungen geplagt.

19.August – Heute laufe ich von Helford Passage bis Falmouth. Dazu bin ich mit dem Bus von Falmouth nach Helford Passage zurückgefahren und dann bis zum Küstenpfad hinunter gegangen. Es hatte auf den Map Apps so ausgesehen, als gäbe es einige Cafés auf dem Weg, aber bis zum nächsten Café sind es ca. 6, 7 Kilometer und so werde ich halt ohne Frühstück laufen. Ein kleines Müsli habe ich gegessen, aber noch keinen Kaffee, kein Sandwich. Die schöne Strecke am Fluss entlang über Wiesen und durch Wälder tröstet mich, allerdings ist es heute bewölkt und es soll auch viel regnen.

Bis jetzt hat es sich noch gehalten, aber es ist ein windiger, grauer Tag. Morgen soll es wieder schöner werden. Mal sehen, was ich morgen mache. Ganz unverhofft bin ich nun doch nach etwa anderthalb Kilometern über einen Kaffeewagen gestolpert und hier bekommt man zum Kaffee eine Pizza. Inzwischen habe ich schon so einen Hunger, jetzt freue ich mich auf eine Pizza. Die kleine Pizza Margherita ist auch richtig lecker und gerade als ich fast fertig bin, fängt es ordentlich zu regnen an. Gut getimed, würde ich sagen.

Es sind nun nur noch etwa einen Kilometer bis Maenporth. Auf den letzten Metern werde ich dann doch noch von den Knien abwärts pitschnass, denn der Pfad ist hier mit Gräsern und Kräutern überwachsen und die sind nun im Regen wieder ganz nass geworden. Ich habe aber noch eine halbe Stunde Zeit, bis der Bus kommt, und kann in das Beach Café mit Namen Life’s a Beach gehen. Dort sitzt man unter einem Dach, das ist in der gegebenen Situation Luxus.

Ich bin irgendwie super müde, obwohl ich heute nicht so viel gelaufen bin, und es lohnt sich auch nicht, bei dem Wetter noch weiter zu laufen. Den Rest mache ich dann morgen, dann komme ich wieder hierher nach Maenporth und laufe bis Falmouth bis zu meiner Unterkunft. Aber egal wie das Wetter ist: Es ist ein schönes, schönes Land hier, wirklich.

20. August – Gestern bin ich noch auf eine interessante Art und Weise nach Hause gekommen. Nach dem Kaffee bin ich zur Bushaltestelle gegangen und habe festgestellt, dass die Bushaltestelle woanders ist, etwa 1,2 Kilometer entfernt. Und damit habe ich dann den Bus verpasst und hätte noch eine Stunde im Regen warten müssen.

Und als ich so da auf mein Handy schaue und recherchiere und denke, was mache ich denn jetzt, steigt ein Mann aus seinem Auto aus und meinte, ob ich wüsste, wie man mit dem Auto nach Falmouth kommt. Sein Handy hat irgendwie keinen Mobilfunkempfang und hier ist auch nichts ausgeschildert, die Engländer haben eh nicht so viele Schilder wie wir. Man hätte jetzt nicht unbedingt sehen können, wo man lang muss, wenn man es nicht weiß.

Also haben wir erst versucht, seinen Mobilfunk ans Laufen zu kriegen. Dann haben wir geguckt, ob ich ihm den Weg auf meinem Handy zeigen kann. Und dann habe ich gedacht, der ist so freundlich und entspannt: Also habe ich ihn gefragt, ob er mich mitnimmt. Ich müsste auch nach Falmouth, dann würde ich ihm auch mein Handy zur Verfügung stellen. Und so war ich innerhalb der nächsten zehn Minuten in Falmouth. Wir hatten eine interessante und angenehme Unterhaltung. Und es war wirklich nett mit diesem Herrn im Auto. Also, Engländer sind entspannte Menschen, was psychosozialen Druck angeht, im Vergleich zu dem, was ich aus Deutschland kenne. So eine Unterhaltung so locker und entspannt zu führen und sich anschließend ohne emotionale Verwicklung für immer verabschieden zu können.

Heute Morgen wollte ich wieder zurück an die Stelle nach Maenporth, wo ich gestern wegen des Regens und der Müdigkeit aufgehört habe, und bin wieder zum Bus. Ganz in der Nähe fährt auch der National Express Bus nach London, den ich übermorgen nehme, weil ich am Wochenende in London einen Yoga Kurs machen möchte. Und weil ich so ängstlich bin, ob ich das finde und ob das alles funktioniert, wollte ich gern den Bus dort stehen und abfahren sehen. Der geht ja jeden Tag. Ich komme komme also an die Stelle, wo es wohl sein müsste, und es ist nichts ausgeschildert.

Da steht aber eine Frau mit Koffer. Ich dachte mir, jetzt frage ich sie. Sie hat gleich gemerkt, dass ich Ausländerin bin, und zwar Deutsche. Und dann hat sie mit mir Deutsch gesprochen, sehr gut sogar. Ihre Mutter war Deutschlehrerin und sie sind jedes Jahr einmal nach Deutschland gefahren. Es war sehr witzig, in Falmouth so flüssig Deutsch zu sprechen wie zu Hause. Und ja, das waren irgendwie schon wieder sehr lustige Bus-Erlebnisse.

Aber es ging so weiter: Anschließend bin ich in den Bus eingestiegen, der mich nach Little Bareppa fahren sollte, der Haltestelle, zu der ich gestern eigentlich hätte gehen müssen. Hat er auch gemacht, aber der Fahrer kannte die Haltestelle gar nicht. Und wie üblich gab es auch keinerlei Anzeichen dafür, dass irgendwo eine Haltestelle ist. Kein Schild und nichts. Dann fragt er, wo soll ich halten? Ich habe ihm gesagt, er soll halten, wo es gut für den Bus und den Verkehr passt, also wo er gut halten kann. Und dann hat er mich aussteigen lassen. Und wir haben uns beieinander herzlichst bedankt. Für, ja, wofür? Das Danke ist einfach fürs Dasein oder fürs Nett sein, fürs freundliche Dasein?

Und jetzt wandere ich das Stück nach Maenporth wieder hinunter, die 1,2 Kilometer. Es ist ein sehr, sehr schöner, schmaler Waldweg. Es geht leicht bergab und wie üblich wachsen hier alte Bäume, es gibt ruhige Wiesen, lichte Auen. Eine Natur, die nicht durch die Wirtschaft so zerstört ist, wie bei uns in Deutschland. Das ist etwas so Schönes. Diese Forstwirtschaft, die wir in Deutschland betreiben, die ist doch destruktiv für das Leben, für die Natur. Hier ist es einfach schön. Und es scheint wirtschaftlich auch zu funktionieren.

Also, ich will wohl mal in Zukunft auch noch woanders wandern gehen, aber ich ich glaube, ich werde immer wieder zum Wandern nach England zurück kommen, auch wenn das Wetter hier nicht das Wetter ist, was ich mir wünsche, es ist mir zu kalt und nass. Gestern ist es wieder richtig abgekühlt, heute morgen habe ich gefroren. Mitte August richtig zu frieren ist schon…, naja. An der Küste wechselt das Wetter zum Glück schnell und heute wird die Sonne wohl wieder scheinen und vielleicht wärmt es sich wieder ein bisschen auf. Man braucht hier vielleicht auch ganz andere Kleidung. Jetzt verstehe ich auch, warum die Engländer so viel Wert auf ihre Wollmanufaktur legen, diesen Tweed und diese wunderschöne weichgekämmte Wolle, diese tolle, wertige Verarbeitung. Hier braucht man das.

So, jetzt gehe ich ein Stück weiter, dann komme ich nach Maenporth und dann werde ich weiter sehen. Es sind dann auch ungefähr sieben Kilometer bis nach Falmouth und dann laufe ich den Küstenweg von Falmouth entlang, zur linken die Stadt und zur rechten das Wasser, bis zu meiner Unterkunft. Die Strecke zwischen Maenporth und Swanpool, also dem Anfang von Falmouth, ist sehr schön leicht zu laufen. Ein schöner, breiter Pfad.

Allerdings haben das auch anscheinend sämtliche Hundebesitzer dieser Gegend festgestellt. Hier kommen mir Unmengen Hunde mit einigen Menschen entgegen. Das macht es wiederum ein bisschen anstrengend. Die Hunde sind nicht immer so erzogen, dass sie gelernt haben, ein anderer Mensch hat ebenfalls einen Status und wird in Ruhe gelassen. Einige Hunde halten einen fremden Menschen anscheinend für ein minderwertiges Mitwesen, weil man ja nicht zu dem Rudel gehört, das sie kennen. Und dann rennen sie einen entweder über den Haufen oder sie werden zudringlich, schnüffeln, einen feucht ab und stecken einem die Nase zwischen die Beine. Das ist schon sehr unangenehm.

Aber es ist erstaunlich wenig Hundekacke auf diesem Pfad, Bis jetzt habe ich noch gar keinen Haufen gesehen, also das muss ich sagen, das machen die Hundebesitzer wiederum sehr gut. Ansonsten ist der Pfad traumschön. Also wenn ich jetzt nochmal hierher komme, dann bis Ende Juni und ab 1. September, wenn die Schulferien vorbei sind. Dann lässt sich die Gegend hier wunderbar genießen.

Das leise Gehen, also das Gehen von der Fußsohle her, das hat am Freitag, als ich die lange Wanderung mit dem Rucksack auf dem Rücken gemacht habe, noch sehr gut geklappt. Nach den 15 Kilometern haben mir die Füße nicht mehr weh getan als der Rest des Körpers. Aber als ich gestern nach der Ruhepause von zwei Tagen wieder losmarschiert bin, war alles weg. Ich musste mich wieder neu trainieren und es gab wieder sehr viel Widerstand dagegen, gegen die Aufmerksamkeit in den Füßen und in den Knöcheln, in den Waden. Heute geht es schon wieder ein ein bisschen besser. Aber es ist immer wieder ein langwieriger Lernprozess.

28. August – Ja, wie soll ich beginnen? Vor einer Woche war ich das letzte Mal an der Küste. Jetzt bin ich endlich wieder an der Küste. Letzte Woche Donnerstag war ich noch in Falmouth. Dann habe ich den National Express Bus nach London genommen und drei Tage in London verbracht. Samstag, Sonntag war ich auf einem sehr indischen Yoga-Kurs, der hat ganz gut getan. Da gibt es einige Übungen, da kann ich noch viel Intensität reinstecken. Die gehen noch gar nicht. Andere Übungen gingen ziemlich gut. Das war dann wieder angenehm. London war schön, aber laut. Schlechte Luft, viele Leute, wenig Kontakt zu Leuten. Also man geht so aneinander vorbei.

Nun gut, London ist eine sehr schöne Stadt, von den Häusern her. Überall fahren Busse, überall gibt es Cafés. Ist schön, wirklich. Wenn man Städte mag, nach London kann man fahren oder dort leben. Aber mir haben die Pflanzen leid getan. Ich weiß ja, wie sie hier in der Natur an der Küste aussehen. In London sahen sie ganz zerrupft und zerzaust aus und irgendwie so schlapp. Hier dagegen ist die Wiese saftig grün, in London ist sie gelbbraun.

Ich habe in Fulham übernachtet. Das liegt auf der Einflugschneise von Heathrow Airport. Da kommt ein dicker Flieger nach dem anderen runter von morgens fünf bis nachts um zwölf. Das ist ein einziges Getöse da in Fulham. Ich war froh, als ich da wieder weg war. Obwohl es hübsch dort ist. Viele kleine Häuschen, Einfamilienhäuschen, so in Reihe, alte, stilvolle Häuser, auch prächtigere Häuser, nicht ganz so wie in der Innenstadt vielleicht, aber naja.

Jedenfalls bin ich Montag mit dem National Express wieder zurück nach Cornwall gefahren und dann direkt nach St. Austell, also ein Stück weiter östlich von Falmouth. Hier will ich jetzt acht, vielleicht auch zehn Tage bleiben, weil ich von St. Austell sehr gut einen großen Bereich der Küste mit dem Bus erreichen und mein Buswalking fortführen kann. Ich habe ja noch vier Wochen, bevor ich wieder nach Deutschland, nach Hause zurückfahren muss.

Und heute habe ich wieder meinen ersten Küstentag. Es ist sehr diesig, die Wolken sind fast auf Meereshöhe. Ich bin heute Morgen mit dem Bus nach Pentevan gefahren und laufe nun das Stück von Pentevan bis Charlestown, das unterhalb von St. Austell gelegen ist. St. Austell liegt ein bisschen zurück im Land auf den Hügeln und Charlestown ist unten Meer mit einem kleinen Hafen. Von Pentevan bis Charlestown sind es ungefähr neun bis zehn Kilometer und etwa 400 Höhenmeter.

Mir ist noch so gut wie niemand auf dem Pfad begegnet, also es ist ganz still hier. Das Meer ist ganz leise hier, hier gibt es kaum Brandung. Hier sind viele kleine Buchten und die beruhigen das Meer anscheinend. Weiter draußen ist sicherlich schon Wellengang. In Pentevan kann man gut Kanu fahren und das kann ich nun gut verstehen, also surfen und Bodyboarding kann man hier nicht. Aber Kanufahren auf dem Meer, also das würde ich auch gerne.

Hier ist eine schöne Felsenküste und der Weg führt immer wieder runter zum Meer. Es geht bergauf, bergab, bergauf, bergab, bergauf, bergab, nie besonders hoch, aber andauernd. So kommen dann die 400 Höhenmeter zustande, die ich heute mache. Ja, ich bin so glücklich und dankbar, dass ich wieder hier bin. Ganz erschöpft komme ich in Charlestown an und hier ist auch wirklich viel los: Museen, Art Galerien, Läden mit Kunsthandwerk und alle möglichen Restaurants und Cafés. Der Bus fährt mir vor der Nase weg und ich habe so noch Zeit für Kaffee und Kuchen.

29. August – Heute morgen bin ich mit dem Bus nach Portloe gefahren. Das liegt etwa auf der Hälfte zwischen St Austell und Falmouth. Ich bin ca. eineinviertel Stunde zurück nach Westen gefahren.
Von hier aus wandere ich noch zwölf Kilometer weiter nach Westen bis Portscatho. Heute ist ein super Sommertag, ein wunderschöner Hochsommertag. Das ist so ein Unterschied zu gestern. Gestern hätte auch Oktober sein können. Heute ist es wie irgendwann zwischen Juni und August, weiße Wölkchen sind am Himmel, Sonnenschein, eine leichte erfrischende Brise, ein blaues Meer, die grünen sanften Hügel.

Dieser Abschnitt des Küstenpfades erinnert sehr an die Atlantikküste. Auch hier läuft man viel über offene Weiden. Es gibt die schroffen, steil abfallenden Felsen, die nicht gesichert sind. Es ist schon schöner so zu wandern, als wenn man auf einem von beiden Seiten eingezäunten Pfad läuft. Aber hier auf der Südseite kommt man auch immer wieder an Denkmälern aus dem zweiten Weltkrieg vorbei. Reste von Bunkern oder Schützenständen, Überreste vom Krieg. Das ist doch jedesmal sehr bedrückend.

Der ansonsten schöne Weg führt nach sieben Kilometern an zwei Touristenorten vorbei. Die sind klein und etwas gehobener, aber trotzdem sind es Touristen und ich bin froh, dass ich jetzt daran vorbei bin. Es ist laut und es riecht nicht mehr so gut wie in der Natur. Da duftet es nach Kräutern und Blüten, hier nach Hundekacke und Müll liegt herum.

Bald bin ich auf der Zielgeraden nach Portscatho. Ich bin schon ziemlich angestrengt, habe schon mehr als 9 Kilometer und 300 Höhenmeter hinter mir und bin fix und fertig. Bin ich froh, wenn ich gleich, also in ca. anderthalb Stunden, ankomme und hoffentlich den 16:24 Uhr Bus noch schaffe.

Ich habe vor längerem schon aufgehört, die Kräuter am Wegrand zu futtern. Das lag da daran, dass der Pfad sich mit hundebesitzenden Touristen füllte und es mir nicht mehr geheuer war, die Kräuter zu essen. Aber jetzt werden die Brombeeren langsam reif, die so schön im Mai, Juni und Juli geblüht haben. Und sie sind super. Ich suche mir die, die so hoch sind, dass kein Fuchsbandwurm drauf sein kann, und genieße sie. So vier, fünf Brombeeren machen zumindest für eine Zeitlang satt und löschen den Durst, das ist ganz toll.

In Portscatho angekommen habe ich noch Zeit, mir einen Imbiss zu holen. Ich bestelle mir eine Ciabatta mit Tomaten und Käse und eile zur Bushaltestelle. Dort stellt sich heraus, dass ich Fritten mit Bratwurst bekommen habe. Ich bin so fertig, dass ich nur noch hysterisch kichern kann. Es ist wunderbar, da braucht man kein Getränk und nichts zu rauchen. In meiner Hungersnot probiere ich die Fritten und sie schmecken fantastisch. Die zwei Würstchen eher nicht, aber die Fritten machen gut satt.

In Tregony muss ich von dem 50iger in den 51iger Bus umsteigen und der Fahrer des 51iger rät mir launisch, statt jetzt schon einzusteigen und mit ihm die Runde zu fahren, in den Pub zu gehen und ein Pint zu trinken, für ihn eins mit. In einer guten halben Stunde käme er mich dann hier abholen. Der Pub hat noch zu, aber im Londis neben an kann ich schon Essen und Getränke für heute Abend einkaufen. Und das ist gut so. Ich komme so fertig in der Unterkunft an, dass ich mich kaum noch bewegen kann. Die eine Woche Pause, die ich wegen der Reise nach London eingelegt habe, hat meine Kondition definitiv deutlich reduziert. Morgen ist Ruhetag, mal sehen, wie es dann übermorgen aussieht.

31. August – Nachdem ich gestern und vorgestern von den ersten beiden Touren seit London so fertig war, mache ich heute nur eine kürzere Tour. An sich wollte ich die üblichen zehn Kilometer gehen, aber heute kann ich schon nach sechs Kilometern in einen Ort einbiegen und dort den Bus nehmen. Heute morgen bin ich mit dem Bus bereits durch Mevagissey durchgekommen, und konnte sehen, dass es dort ganz hübsch ist. Und ehe ich jetzt noch weitere vier Kilometer über Asphalt und an Touristenstränden vorbei laufe, geh ich doch lieber in den Ort, schau mich ein bisschen dort um und fahre dann früh zurück in die Unterkunft und erhole mich, denn morgen gibt es wieder eine längere Tour, zehn Kilometer. Und nächste Woche habe ich eine 15 Kilometer Tour vor. Da will ich lieber noch Kräfte sammeln.

Heute morgen ist das Wetter feucht und diesig, aber die Sonne scheint, es ist sehr windig und hier in Gorran Haven, wo ich meine Tour starte, gibt es einen kleinen Strand mit richtig ordentlich Wellengang. Es sind heute Morgen nur 13 Grad, aber 15 bis 20 Menschen, ich vermute mal Einheimische oder zumindest Inselbewohner, baden bei diesen Temperaturen und dem Wind. Für mich ist das unvorstellbar fröstelig, aber die machen das ganz locker und entspannt. Das ist sehr bewundernswert und auch gesund, schätze ich.

Gorran Haven liegt in einem kleinen Tal, rundherum grüne Hügel und es ist wunderschön hier. Leider wird auch dieser Ort durch den Ferien-Tourismus dominiert. Also es gibt wahrscheinlich kaum noch echte Einheimische, statt dessen sind die meisten Häuser zu Ferienhäusern umfunktioniert worden und stehen die meiste Zeit des Jahres leer. Vorgestern wurde mir in Portscatho gesagt, dass 80 Prozent der Häuser Holiday Homes sind, also gar nicht dauerhaft bewohnt, sondern den größten Teil des Jahres und vor allen Dingen im Winter leer stehen. Und so wird das auch hier sein. Und das ist eben schade. Diese Dörfer wären noch schöner, wenn sie belebter wären. Aber andererseits wäre dann kein Platz für die Touristen. Und alle wollen ja mal so dieses Meer-Erlebnis haben. Vielleicht gibt es einfach keinen vernünftigen Kompromiss. Aber schade ist es doch. Ich stelle mir vor, wie das Leben hier vor 50 Jahren war. Also das war bestimmt einfach super. (Was nach meinen Vorstellungen toll ist.)

Seit ein paar Tagen sehe ich im Terminkalender schon die Tage Anfang Oktober, wo ich wieder zurück in Köln sein werde. Dadurch verändert sich meine Stimmung merklich. Was für ein Wunder das doch ist, dass ich hier bin so losgelöst bin. Nur mein 10 Kilo Rucksack, meine Bankkarte und ich in dieser fantastischen Landschaft. Ich hatte auch Zeiten, da bin ich ganz in Gedanken den Küstenpfad entlang gelaufen, wie das im Alltag oft so ist. Vor allem am Anfang war das so. Ich war geistig nicht ganz da und
jetzt durch Bewusstwerden des nahenden Endes komme ich noch einmal ganz neu hier an. Es ist schwer zu beschreiben, aber ich werde mir dadurch noch einmal mehr bewusst, dass das Leben abläuft und auch irgendwie bald vorbei sein wird.

Aber nun habe ich ja auch noch volle vier Wochen. Früher war ich froh, wenn ich zwei Wochen Urlaub hatte. Ich glaube, ich brauche einfach viel mehr Natur, als ich in der Stadt habe. Und meine Reisen, die ich mir jetzt in den nächsten Jahren ermöglichen kann, will ich in die Natur machen, wo auch immer das für mich als ältere alleinreisende Frau möglich ist. Und da wird es genügend Orte geben, um die nächsten 10 Jahre zu füllen. Dann kommt eine Phase, wo das sich Bewegen nicht mehr so gut funktioniert. Und da möchte ich irgendwo wohnen, wo es still und luftig ist und viele verschiedene Tiere und Pflanzen mit mir wohnen. Wo es nicht viel mehr gibt als Sonne, Wind, Nacht und Tag, Mond, Erde, Wasser und die unvorstellbar vielen Variationen von Leben, die diese Erde hervorbringt, unter anderem eben auch mich, die ich das Glück habe, all dies bewusst zu erleben.

Wie erwartet befinde ich mich ab Kilometer vier auf Asphalt und so wird es die nächsten zwei Kilometer bleiben. Danach käme noch ein kurzes Stück über die wilde, freie Küste und dann wäre ich Pentewan.
Also bleibe ich gleich hier in Mevagissey. Und es lohnt sich: Es gibt einen doppelten Hafen, einen äußeren und einen inneren. Im inneren Hafen sind eher die kleinen Boote, im äußeren die großen. Und es gibt eine schöne kleine Altstadt, da gehe ich jetzt gleich hinunter und schaue sie mir an, esse etwas und nehme den Bus zurück zur Unterkunft.

1. September – Heute fahre ich mit dem Bus nach St Mawes um von dort nach Portscatho zu gehen. St Mawes liegt am River Fal, der Fluss, an dem die Stadt Falmouth liegt. St Mawes liegt östlich von Falmouth auf der anderen Seite des River Fal. Für die heutige Wanderung setze ich über zu St Anthony’s Head (die Anlegestelle heißt Place) und von dort aus geht der Coast Path weiter Richtung Osten. Heute ist Sonntag, die Busse fahren selten, also nehme ich lieber den Acht-Uhr-Bus statt den um zwölf und bin dann auch schon um viertel vor zehn in St Mawes angekommen. Da ich denke, ich habe noch viel Zeit, jetzt gibt es erstmal Frühstück, Kaffee und Baguette mit Käse und Tomate. Und anschließend gemütlich zur Fähre nach Place gehen.

Und dann steige ich auf die falsche Fähre. Ich steige auf die Fähre nach Falmouth statt auf die Fähre nach Place, St Anthony’s Head. Als ich in vor 10 Tagen in Falmouth war, bin ich von dort nach London gefahren und zurück direkt nach St. Austell. Und da habe ich es schon bedauert, dass ich die Fähre von Falmouth nach St Mawes nicht nehmen kann. Das hätte ich gern gemacht. Nun, jetzt sitze ich auf der Fähre, allerdings von St Mawes nach Falmouth.

Als ich es bemerke, gehe ich gleich zum Kapitän und sage, dass ich auf der falschen Fähre gelandet bin und das Ticket nachlösen möchte. Die Schiffsfrau meinte, sie kommt gleich. Und als sie dann kam, hat sie mir einen Hin- und Rückticket ausgestellt, aber so lieb: Sie hat mir einen Kindertarif gegeben. Und das war natürlich nur halb so teuer wie der für Erwachsene. Das war echt nett von ihr. Die Überfahrt dauert etwa 25 Minuten, 10 Minuten Aufenthalt und dann 25 Minuten wieder zurück. So komme ich eine Stunde später wieder am Ausgangspunkt in St Mawes an.

Anscheinend hat die Crew von der Fähre nach Falmouth den Schiffer der Fähre nach Place informiert, denn als wir in St Mawes ankommen, wartet er schon auf mich, sodass ich da keinen Zeitverlust mehr habe. Meine Irrfahrt bereitet natürlich allgemeines Vergnügen, aber es ist auch wiederum so nett, wie damit umgegangen wird. Und ich habe die Überfahrt nach Falmouth und zurück wirklich sehr genossen. Ich wollte die ganze Zeit während meines Aufenthalts hier in Cornwall schon eine Bootstour machen, Aber ich habe mich immer gescheut, wegen der vielen Touristen und dann auf so einem Boot mit ihnen eingepfercht zu sein, das ist nichts für mich. Heute Morgen, das war perfekt, die Fähre war ziemlich leer, sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückfahrt, das Wetter angenehm und alle hatten ihren Spaß.

Die Wanderung nach Portscatho ist schön wie immer und in Portscatho hole ich mir noch einmal eine Portion von den leckeren Pommes Frittes, bevor ich zur Bushaltestelle gehe.

3. September – Ich bin immer noch ziemlich erschöpft und wähle die kürzere Wanderung: Von Polkerris nach Fowey und damit bewege ich mich schon östlich von St Austell. Am Polkerris Beach ist nicht viel los, die Sommerferien sind vorbei. Ich hole mir Kaffee und ein Cheese Bap (ein ganz weiches, weißes Brötchen) und genieße die Morgensonne. Ich kann den Herbst schon spüren: Die Sonne hat nicht mehr die Kraft und wenn sie weg ist, dann wird es gleich wieder kalt. Die Wanderung ist schön und es ist sehr still. Ich komme bald in Fowey an, aber ich bin nun schon wieder sehr müde. Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist. Seit London mache ich morgens zusätzlich das neue Yoga Programm, vielleicht liegt es daran. Fowey ist sehr nett, es macht Spaß durch den Ort zu laufen und ich kaufe im Delikatessen Laden lokales Müsli fürs Frühstück ein und frische Erdbeeren aus der Region. Der Bus wartet schon und ich bin früh zu Hause und sehr froh darüber.

4. September – Eigentlich wollte ich heute meine letzte Wanderung westlich von St Austell machen, aber ich bin wieder viel zu müde. Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich jetzt morgens immer noch das neue Yoga Programm zusätzlich mache, damit ich nicht vergesse, was ich in London gelernt habe. Jedenfalls bin ich ein paarmal schon morgens im Bus beinahe eingeschlafen, als ich auf dem Weg zur Wanderung war. Und die Höhenmeter auf dem Küstenpfad kriege ich kaum bewältigt. Diese letzte Wanderung hätte über 600 Höhenmeter gehabt und es graut mir davor.

Schweren Herzens verzichte ich auf die schöne Strecke zwischen Portloe und Gorran Haven. Ich schlafe aus, mache ein wenig leichtes Yoga und fahre mit dem Bus nach Charlestown, dort gibt es ein Shipwreck Treasure Museum, das mir mein Vermieter Frank sehr empfohlen hat. In Charlestown ist nicht viel los und das Museum ist fast leer, es ist wieder eine ganz stille Atmosphäre.

Das Museum ist wirklich sehenswert: Es gibt einen sehr lebendig gestalteten Bereich, in dem die Antarktis Expedition von Ernest Shackleton nach gebildet ist. Anschließend kann man viele Schätze bewundern, die aus den Meeren von verschiedenen Schiffen aus unterschiedlichen Zeitaltern gehoben wurden. Echte Goldmünzen, Zahnbürsten Borsten Halter aus Knochen, Porzellan (meist in Scherben), steinerne Kanonenkugeln, einfach alles mögliche!

Anschließend ein Kaffee auf der Museums Terrasse im sanften September Sonnenschein und noch ein wenig durch den kleinen historischen Hafen von Charlestown schlendern. Ich könnte mir vorstellen, für immer Rentnerin zu sein und kann es kaum glauben, dass es tatsächlich auch so ist. In St Austell wieder angekommen habe ich Hunger und finde ein gemütliches Café, hier gibt es die üblichen britischen Speisen: Sausages, ham, eggs, beans, aber auch Käse-Tomaten Toast und Smoothies. Ein gemütlicher Tag geht stressfrei zu Ende und morgen wird es nicht anders werden.

7. September – Die heutige Wanderung geht von Crumplehorn-Polperro nach Looe. Das sind ungefähr neun Kilometer und 260 Höhenmeter. Das Wetter ist kühl, stark bewölkt, ein bisschen Regen, aber wenig Wind, es ist eigentlich ganz angenehm, bis auf den Regen. Zwischen Polperro und Talland, eine Strecke von etwa drei Kilometern, ist auf dem Küstenpfad sehr viel los. Polperro ist ein sehr touristischer Ort, vor allen Dingen für Rentner. Jetzt im September ist Rentnersaison und dementsprechend ist es voll. Die alten Leutchen nutzen die Gelegenheit, hier die drei Kilometer auf dem Küstenpfad zu wandern. Ab Talland ist die Strecke vom Betrieb her dann ganz okay. Es ist wieder eine schöne Felsenküstenstrecke. Recht schnell erreiche ich Hannafore, das mit Looe schon zusammen gewachsen ist. Kein schlechter Tag heute, aber wie ich sehen werde, ist es das auch noch nicht gewesen.

Mein aktueller Vermieter, an den ich über Airbnb gekommen bin, will mich aus der Wohnung raus haben. Der Anlass für diese drastische Maßnahme ist, dass ich ihn am Tag zuvor mehrfach mit der Bitte die Heizung einzuschalten kontaktiert habe. Nach vier Stunden Wartezeit in der kalten Wohnung habe ich den Airbnb Support kontaktiert, um um Unterstützung bei der Kontaktaufnahme zu bitten. Das führte zu einer Eskalation, die sehr schnell darin gipfelte, dass mein Vermieter von mir verlangte, dass ich ausziehe.

Nun kostet ein Wechsel der Unterkunft normalerweise einen Tag Zeit, ganz abgesehen von der Zeit, die für die Suche draufgeht. Ich habe aber meinen Aufenthalt in Looe so kalkuliert, dass ich mit den Tagen hier genau meine geplanten Wanderungen machen kann. Hätte ich seinem Wunsch Folge geleistet, dann hätte ich auf eine Wanderung verzichten müssen. Der Support von Airbnb hatte Verständnis für meine Situation und sicherte mir zu, dass ich meinen Aufenthalt wie geplant fortführen könne. Denn Heizung ist in dem Inserat des Vermieters ausdrücklich angegeben. Und die Temperaturen liegen seit mehreren Tagen im Tages Durchschnitt bei 17 Grad. Da kann es in einer Wohnung je nach Bausituation schon kalt werden. Und diese Ferienwohnung ist nicht so preiswert, das man frieren müsste. 

Als ich heute nach Hause kam, hatte ich eine SMS von ihm, dass er erwartet, dass ich verschwunden bin, wenn er heute Abend nach Hause kommt. Nun war es ja schon Nachmittag. Ich schreibe ihm also über Airbnb Messaging, dass ich aus zeitlichen Gründen wie geplant bis Mittwoch bleiben und dann die Wohnung ordnungsgemäß verlassen werde. Gleichzeitig finde ich eine Nachricht von Airbnb vor, in der mir bestätigt wird, dass ich bleiben kann.

Aber mein Vermieter hat anderes im Sinn: Gegen 17:30 höre ich Schritte in der Wohnung über mir. Einige Minuten später wird laut und hart gegen meine Tür geklopft. Ich erschrecke mich fürchterlich, reagiere aber nicht. Der Vorhang ist zugezogen und die Jalousie herunter gelassen. Es klopft noch zwei weitere Male, die ich ignoriere.

Dann geht das Licht aus. Ich gehe an die Tür und ziehe den Vorhang beiseite, um durch die Glasscheibe zu schauen. Der Vermieter steht mit dem Rücken zu mir und beugt sich in einen Schrank an der Wand. Ich sage ihm, er soll das Licht wieder anmachen. Nach der zweiten Aufforderung macht er das Licht wieder an. Er spricht auf englisch und ist erregt. Ich kann nicht viel von dem verstehen, was er sagt. Nur, das ich lügen würde, dass er nicht will, dass ich hier bin.

Dann zieht er einen Schlüssel heraus und will die Tür aufmachen. Ich kriege einen Moment lang richtig Angst, dann spüre ich Aggression und drücke die Tür wieder zu und halte das Schloss zu. Er sagt, er will mit mir reden. Ich sage ihm, er soll mich anrufen oder Airbnb Messaging machen. Er verlangt, dass ich die Wohnung verlasse und droht mir damit, die Polizei zu rufen. Ich bitte ihn, die Polizei zu rufen und sage ihm, dass ich auf sie warten werde.

Darauf geht er wieder in seine Wohnung. Ich öffne umgehend die Airbnb App und rufe die Hilfe Funktion auf. Dort gebe ich an, dass ich mich nicht sicher fühle und dass ich angerufen werden möchte. Gleichzeitig erhalte ich einen Anruf von dem Vermieter. Er wiederholt seine Aussagen von vorher. Während des Gesprächs mit ihm werde ich von Airbnb aus den USA angerufen. Ich sage ihm, dass Airbnb mich anruft und dann nehme ich den Anruf von Airbnb an.

Ich erkläre der Dame am Telefon die Situation so gut es geht auf Englisch. Sie ist verständnisvoll und teilt mir mit, dass sie sich umgehend mit dem Vermieter in Verbindung setzen wird. Anschließend werde ich mit einer Kollegin verbunden, die Deutsch spricht. Ich erkläre ihr die Situation erneut, so wie ich es erlebt habe. Auch sie hat Verständnis und bittet mich nach Beenden des Gesprächs am Ort zu bleiben und zu warten, bis sie sich wieder zurück meldet. Ob auch sie gesagt hat, dass sie sich mit dem Vermieter in Verbindung setzen wird, kann ich nicht mehr sagen.

Ich zittere und einige Tränen laufen mir aus den Augen. Dann protokolliere ich des Geschehen und das hilft mir mich zu beruhigen. Es vergehen etwa zwei Stunden, mittlerweile ist es zehn Uhr abends. Dann erhalte ich aus den USA die Rückmeldung, das der Vermieter darauf besteht, dass ich die Wohnung am nächsten Morgen verlasse, allerdings ist er nun bereit, den gesamten Buchungsbetrag zurück zu zahlen, nicht nur den Rest nach Abzug zweier Nächte.

Ich habe mittlerweile auch keinen Nerv mehr, an diesem Ort zu bleiben. Die Eingangstür habe ich in der Zwischenzeit mit dem dicken Fernsehsessel verrammelt, so gut es eben geht. Ich stimme dem Wechsel zu und Airbnb hat auch schon eine neue Wohnung in der gleichen Preisklasse ganz in der Nähe gefunden. Ich buche für drei Nächte und die Buchung wird sofort akzeptiert. Unverzüglich informiere ich Airbnb und schreibe eine sachliche Nachricht an den Vermieter, dass ich seine Wohnung am nächsten Tag bis 11 Uhr verlassen werde. Dann nehme ich zwei Aspirin (das entspannt und beruhigt die Spannungsschmerzen) und gehe schlafen. Es mittlerweile Mitternacht und ich brauche am nächsten Tag meine Kräfte. 

8. September – Ich stehe gegen sieben Uhr auf und schaffe es, mich für mein Yoga Minimum Programm auf die Matte zu setzen. Anschließend packe ich und mache mir Frühstück. Dann räume ich die Wohnung picobello auf und mache auf einige Fotos als evtl. notwendig werdenden Nachweis. Es ist erst kurz nach zehn, als ich die Wohnung verlasse.

Die neue Vermieterin hat angegeben, dass man Gepäck auch vor dem Check-in abstellen kann. Ich gehe also zur neuen Unterkunft, um dort den Rucksack abzugeben. Sie lässt mich in die Wohnung, die schon fertig sei, was sehr freundlich von ihr ist. Gleichzeitig wirkt sie aber unfreundlich, so als sei ich ihr wirklich unangenehm und lästig. Im Moment fühle ich mich so verletzlich, dass mich das belastet. Aber gut. Kann auch Zufall sein, ich bin ja auch wirklich früh (es ist Sonntag) bei ihr angekommen. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie weiß, wer ich bin und was mir mit dem anderen Vermieter, der ihr Nachbar über die Straße hinweg ist, passiert ist. 

Sie zeigt mir die Wohnung, die wirklich sehr schön ist. Sie hat dort ein Entfeuchtungsgerät stehen, das sehr laut ist. Das muss tagsüber laufen, sagt sie, die Wohnung sei feucht. Ich bin so müde dass ich dazu weiter nichts sage, sondern mich für den frühen Einlass bedanke und noch einmal ins Bett gehe. Am frühen Nachmittag wache ich wieder auf und es ist sehr kalt in der Wohnung. (Auch hier ist Heizung als Ausstattungsmerkmal angegeben) Ich schreibe ihr eine Airbnb Message und bitte sie, die Heizung einzuschalten, evtl. zusätzliche Kosten würde ich bezahlen. Dann gehe ich in Looe spazieren, ein bisschen shoppen.

Am frühen Abend bin ich wieder zurück und es ist immer noch eisekalt. Auf meine Nachricht hat sie nicht reagiert. Ich wähle ihre Telefonnummer, aber sie geht nicht ans Telefon. Auf Unterstützung durch Airbnb verzichte ich diesmal, mir fehlt der Nerv dazu. Also hole ich meinen Daunen Schlafsack aus dem Rucksack und mache es mir mit einer heißen Tasse Hafermilch auf dem Sofa gemütlich. Es ist immer noch viel besser, als in der Wohnung davor. Gegen neun Uhr abends wird die Heizung warm. Aber jetzt bin ich müde und gehe ins Bett. Den Schlafsack nehme ich auch mit, die Decke dort ist viel zu dünn.

9. September – Heute morgen ist es wieder kalt in der Wohnung und weil ich Yoga machen möchte, brauche ich eine Wärmequelle. Die Vermieterin hat einen dicken Toaster da stehen, der gibt viel Wärme ab. Ich schalte den Toaster immer wieder ein, zwischendurch lasse ich ihn etwas abkühlen. Langsam wird es etwas wärmer, die Luft ist nicht mehr eisig. 

Nach dem Frühstück gehe ich zum Bus und dabei begegne ich der Vermieterin bei ihrer Arbeit im Garten und spreche sie auf die Heizung an. Etwas ungehalten erklärt sie, es sei nicht kalt (ihr sei ja nicht kalt) und sie werde die Heizung nicht einschalten. Ich biete ihr an, für die Heizkosten extra zu bezahlen. Sie lehnt das ab. 

Das kommt mir seltsam vor. Sie scheint zu wollen, dass ich mich in ihrer Wohnung nicht wohl fühle. Freitag, Samstag und Sonntag hatte ich sehr intensive und belastende Erlebnisse mit meinem vorherigen Airbnb Vermieter, das habe ich schon erzählt. Aber Sonntagmorgen habe ich dann die Unterkunft gewechselt und in der direkten Nachbarschaft eine ähnliche Ferienwohnung gefunden. 

Es ist ganz merkwürdig, aber ich glaube die beiden Vermieter haben sich irgendwie über mich ausgetauscht und es fühlt sich so an, als ob meine neue Vermieterin gar nichts von mir hält und mir beweisen will, dass mein alter Vermieter recht damit hatte, die Heizung nicht einschalten zu wollen, denn darum ging es nämlich. Und sie schaltet die Heizung auch nicht ein. 

Also Heizung ist bei beiden Wohnungen ein Ausstattungsmerkmal gewesen. Ich möchte es am Morgen für das Yoga und auch am Abend warm haben, wenn ich da sitze und ein bisschen am Computer arbeite oder Fernsehen schaue. Ihre Wohnung ist eigentlich ganz gemütlich, jedenfalls wenn man nicht bei 17, 18 Grad da sitzen muss. 

Ich habe halt gefroren. Sie wollte aber nicht heizen, also sie wollte schon heizen, aber nicht wenn ich das benötige, sondern wenn sie das selbst benötigt, dann heizt sie. Genau wie der vorherige Vermieter schaltet sie die Heizung Abends an, wenn sie selbst in der Wohnung ist. Für mich ist das aber zu spät. Gerade wenn es warm wird, gehe ich ins Bett und brauche keine Heizung mehr. 

Und nun habe ich auch mit meiner jetzigen Vermieterin eine Auseinandersetzung darüber. Das ist komisch. Ich habe in so vielen Unterkünften übernachtet und dieser Sommer war nicht warm. Immer wieder wurde auch im Juli/August die Heizung eingeschaltet. Oder mir wurde eine kleine Heizung zur Verfügung gestellt. 

Und sie meinte nun im Rahmen der Auseinandersetzung, dass Heizung ziemlich teuer, nämlich zu teuer wäre. Darauf hin habe ich ihr angeboten, die Kosten zu kompensieren und das wollte sie aber nicht. Als ich ihr das sagte, hat sie sich einfach weggedreht. Irgendwie finde ich das einen interessanten Hinweis auf die eigentliche Ursache für diese Auseinandersetzung. Denn da muss es doch um was anderes gehen. 

Warum möchte sie, dass ich mich unwohl fühle und friere, wenn ich bereit bin, die Mehrkosten für die Heizung jetzt im September bei durchschnittlich 17 Grad Außentemperatur zu übernehmen. Und abgesehen davon bin ich wirklich bereit, die in den letzten zwei Jahren exorbitant gestiegenen Preise mitzutragen. Für drei Tage ist das nicht die Welt. 

Ich verstehe das Problem noch nicht. Und es fühlt sich dann auch ein bisschen so an, als ginge es darum, Macht auszuüben. Es ist ja nicht so, dass nicht geheizt wird. Es wird geheizt, wenn der Vermieter es will. Und das ist ja schon eine Art Machtausübung.

Ja, so unangenehm das ist, aber ich denke, diese Dinge gehören in den Blog auch hinein. Auch wenn die beiden Menschen, der vorherige Vermieter und die jetzige Vermieterin, durchaus sympathische Menschen sind und ich ihnen auch wirklich nichts Böses will. Aber dieses Verhalten einem zahlenden Gast gegenüber ist nicht okay. 

Wenn sie ihre Wohnung zu billig vermieten, dann sollten sie ihre Preise überdenken. Und wenn sie mein Angebot, die Kosten mitzutragen, ablehnen, dann sollten sie ihr Verhalten überdenken. Ich denke, ich werde mich dazu doch noch mal mit einem Kommentar an Airbnb wenden. 

Bei dem Vermieter, der mich bedroht hat und mir zu nah gekommen ist, muss ich sagen, hat Airbnb sehr gut reagiert. Die waren da, die waren ansprechbar und die haben sich um mich und um den Vermieter gekümmert und ich würde Airbnb deswegen eine sehr gute Note geben. Ich habe mich bei denen wirklich gut aufgehoben gefühlt.

Aber ihr Konzept des Privatvermietens hat die Kehrseite, dass man sich so einem Menschen ausliefert. Ich denke, dass Airbnb auch möchte, dass ich dazu Feedback gebe. Es geht ja nicht darum, dass solche Leute nicht vermieten sollen. Es geht nur darum, dass man Dinge, wie zum Beispiel die Frage ob Heizung an oder nicht, auch dem Gast entsprechend gestalten muss, wenn man es als Ausstattungsmerkmal anbietet. 

Sonst müsste man es einschränken und sagen, Heizung nur, wenn der Vermieter im Haus ist bzw. es will. Aber das so drastisch, so deutlich wollen sie es ja auch nicht sagen, aber so ist es eben. Airbnb übrigens hat den Betrag von dem vorherigen Vermieter schon zurückgezahlt. Das ist sehr schnell. Das finde ich großartig. 

Vielleicht ist es auch einfach so: der Tourismus bestimmt das Leben der Menschen hier in dieser Region. Und in den letzten zehn Jahren hat das zu einer Preisexplosion auf allen Ebenen geführt. Das bedeutet auch, dass Einheimische sich die zum Beispiel keinen Wohnraum mehr leisten können. Und vielleicht ist es so, dass bei diesen Vermietern das Gefühl überwiegt, dass sie, wenn sie schon eine Touristin da haben, ihr dann auch zeigen, wer hier eigentlich das Sagen hat. Es kommt mir so vor, als ob es gar nicht nur ums Heizen oder nicht geht.

Ich soll die teure Miete bezahlen, aber das stellt sie nicht glücklich, weil ihre Lebenssituation sich dadurch nicht verbessert, auch wenn sie mir viel Geld abnehmen. Weil ja sehr viel Geld wieder in ihre Kosten abfließt und so viel gar nicht für sie übrig bleibt. Dann soll ich wenigstens auch nicht zufrieden sein. Und dazu lassen sie mich frieren. 

Vielleicht ist es auch ein Gefühl der Hilflosigkeit diesem Tourismus gegenüber, das mit mir geteilt werden soll. Sie sind hilflos dem Tourismus gegenüber, also bin ich hilflos den Vermietern gegenüber. So sind wir dann wieder alle in einem Boot angekommen. Vielleicht versucht man durch dieses Verhalten das Gefühl von Ohnmacht gegenüber dem Tourismus an eine einzelne Person, nämlich den Touristen / die Touristin weiterzugeben. Oder aber auch vielleicht weil es am Ende des Sommers einfach zu viel geworden ist, vielleicht auch weil es nach mehreren Jahren der massiven Inflation zu viel geworden ist.

Eine andere Möglichkeit wäre, das man sich als Einheimischer aufgrund des Tourismus gemolken fühlt und dann ist es nur folgerichtig, den Touristen oder die Touristen zu melken oder zumindest ihnen zu zeigen, wo der Hammer hängt, Macht auszuüben. Geld ist ein Mittel der Befriedigung, der Bedürfnisbefriedigung, Machtausübung auch. 

Mangels Nerv auf eine weitere Auseinandersetzung dieser Art lasse ich das Thema fallen und erwische gerade noch den Bus für meine heutige Wanderung. Also nach einem Tag Pause, sozusagen, bin ich wieder an der Küste angekommen. Ich bin mit dem 481er Bus von Looe zurück nach Polruan gefahren und laufe von Polruan an der Küste 7 Kilometer bis Lansallos und dann nehme ich die 481 wieder zurück nach Looe.

Das Wetter ist ganz schön heute, es ist frisch, aber wenn die Sonne rauskommt wird es wunderbar warm, ein bisschen Wind geht und ja, es ist ein sehr schöner Herbsttag, Frühherbsttag. Die Wanderung von Polruan nach Lansallos ist landschaftlich außerordentlich schön und es hat sich wirklich gelohnt, all die Mühen auf sich zu nehmen, um hierher zu kommen und diese Wanderung zu machen. Ganz besonders bei diesem wunderbaren, frischen Frühherbstwetter.

10. September – Meine letzte Wanderung von Looe aus führt mich von Lansallos nach Polperro. Das Wetter ist ganz okay, erst später soll es regnen. Die Strecke von Lansallos aus ist ruhig und einsam und das tut mir gut. Erst später wird es regnerisch werden und in Polperro ist wieder Rentner Tourismus angesagt. Die Wanderung war sehr schön und am Abend mache ich es mir mit einem leckeren Abendessen gemütlich: Im Delikatessen Geschäft gibt es leckere Quiche, die man in der Mikrowelle aufwärmen kann. Mit meinem Daunen Schlafsack auf dem Sofa und Toaster Heizung ist mir nicht kalt und als ich ins Bett gehen will, macht die Vermieterin die Heizung an.

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